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Anatevka

Anatevka

Musical von Jerry Bock (Musik), Joseph Stein (Buch) und Sheldon Harnick (Liedtexte) Arrangements: Gero Wies

Termine

„Tradition“ heißt das Zauberwort in Anatevka, einem kleinen ukrainischen Dorf. Der Milchmann Tewje ist stolzer und auch geplagter Vater von fünf Töchtern. Trotz der Armut sucht er heiratsfähige Männer für seine Töchter. Dem alten reichen Fleischer Lasar Wolf verspricht Tewje seine älteste Tochter Zeitel – in seinen Augen eine gute Partie. Doch die hat sich bereits heimlich mit dem Schneider Motel Kamsoil verlobt – einem Habenichts. Tewje holt den Studenten Pertschik in seine Familie, in den sich seine Tochter Hodel verliebt. Sie folgt ihm nach Sibirien. Und Chawa verliebt sich in den andersgläubigen Fedja.

Neumodische Gedanken überall. Da kommt die Nachricht, dass die Juden Anatevka binnen drei Tagen zu verlassen haben. Die Verbindung von jüdischem Witz, berührend lebensechten Figuren, mitreißender, von chassidischer Folklore inspirierter Musik und Songs wie „Wenn ich einmal reich wär” haben dem Musical von jeher begeisterte Zuschauer und zahlreiche Auszeichnungen beschert. Ein tragikomisches Stück über den Schmerz des Abschiednehmens, aber auch über die unbändige Liebe zum Leben. Das Theater Vorpommern bringt das Erfolgsmusical in einer eigens autorisierten Fassung besonders stimmungsvoll mit Klezmer-Kapelle auf die Bühne.

PRESSESTIMMEN

Erfolgsmusical rührt die Herzen an

Stralsund- Jüdischer Witz, mitreißende Musik und eine tragikomische Geschichte, die zu Herzen geht. Das Musical "Anatevka"- im Original "Der Fiedler auf dem Dach"- von Scholem Alejchem ist auch ein halbes Jahrhundert nach der amerikanischen Uraufführung noch immer ein Zugstück. Intendant Dirk Löschner weiß, womit er das Publikum ins Theater Vorpommern lockt. Und inszeniert deshalb gleich selbst. Allerdings- wie kann es anders sein- nicht so, wie es vielleicht die Produktion vermuten lässt. Statt Opernsänger agieren vornehmlich Mimen auf der Bühne. "Denn viele Szenen erfordern eine schauspielerische Leistung, die man von Sängern nicht erwarten kann", sagt er. Die Handlung an sich ist schnell erzählt: Milchmann Tevje lebt mit seiner Frau und fünf Töchtern im ukrainischen Dorf Anatevka. Trotz Armut und drohender Pogrome im zaristischen Russland hat er sich seine Heiterkeit bewahrt. Als jedoch drei seiner Mädels flügge werden und sich dem jüdischen Brauch der Heiratsvermittlung entziehen, gerät die Welt des traditionsbewussten Tevje ins Wanken. Und inmitten dieses Konflikts kommt dann auch noch die Nachricht, dass alle Juden binnen drei Tagen den Ort zu verlassen haben. [...] Gut zwei Dutzend Darsteller werden das Musical gestalten, "verstärkt von Mitgliedern unseres Opernchores, die sehr spielfreudig und mit Feuereifer dabei sind", würdigt Löschner das Engagement seiner Mitstreiter. Doch er holte für die Aufführung auch Gäste ins Haus: Manfred Ohnoutka, freier Schauspieler, Sänger und Regisseur aus Lüneburg, gab bereits am Theater der Altmark in Stendal den Tevje, wo Löschner das Musical 2010 inszenierte. Tabea Stolz aus Hamburg spielt Tevjes Frau Golde. Lena Wischhusen aus Bremen schlüpft mit ihrer klassischen Gesangsausbildung in die Rolle der Tochter Hodel. "Denn die braucht tatsächlich eine sehr gut ausgebildete Stimme", erklärt Löschner. Woher aber nun den obligatorischen Anatevka-Chor nehmen, da doch etliche Opernsänger ihr darstellerisches Können unter Beweis stellen? "Wir machen aus der Not eine Tugend, bauten für das Musical einen Laienchor auf", berichtet der Regisseur. Etwa 50 Greifswalder und zwei Stralsunder proben seit September unter der musikalischen Leitung von Sebastian Undisz für das Erfolgsstück- und zwar sehr gut, lobt Löschner.

[...]Für Schauspielerin Susanne Kreckel eine wundervolle Sache. Denn "so viel wie augenblicklich habe ich schon ewig nicht mehr gesungen", freut sich die 33-Jährige über ihre Rolle der Chava. Freude treibt auch Christoph Melching um, der als Bühnen- und Kostümdirektor ebenso für Überraschung sorgt. Er verzichtet bewusst auf "alles anheimelnd Kitschige", setzt mit Bilderrahmen vielmehr auf eine "antiquarische, abstrakte Wärme". Anatevka - am Ende ein geplündertes Fotoalbum, von dem nur Erinnerungen bleiben. Auf der Bühne wie im Leben.

Petra Hase

Vorausschau vom 11.3.2014

Jüdischer Überlebenswille prägt Musical "Anatevka"

Greifswald- Gerade erst war von neuerlichen Sparzwängen aus Schwerin die Rede, da kontert das Theater Vorpommern mit der Qualität und Unverzichtbarkeit seiner Leistungsfähigkeit. Konkret: mit dem vorgestern in Greifswald stürmisch gefeierten und absehbar erfolgreichen Musical "Anatevka". Dirk Löschners Inszenierung präsentiert das ukrainische Dorf Anatevka als Lokalität von 1905 wie als Synonym traditioneller jüdischer Befindlichkeit. Es ist Bollwerk festen Glaubens und doch höchst gefährdet. Die Zeiten haben sich geändert. Festgefügt scheinende Verhaltensweisen- etwa die Familienhierachie- lösen sich auf. Judenpogrome gefährden die Existenz, eine zusammengewachsene Dorfgemeinschaft wird zerschlagen und in alle Winde vertreut. Im Individuellen spiegeln sich Umbrüche im Großen, Politischen! Auf der Bühne hat das alles die Stringenz einer unabwendbaren Katastrophe, aber auch die der Demonstration fröhlich-streitbaren wie hartnäckigen Überlebenswillens. Und diese so spannungs- wie kontrastreiche Gratwanderung gelingt eindrucksvoll. Originell die Bühne (Christopher Melching): rot ausgeschlagene, am Ende erschreckend leere Waben, die, übereinandergetürmt und mit handelnden Personen besetzt, einem Fotoalbum mit schönen Bilderrahmen gleichen; Metapher für das Erinnern und die Vergänglichkeit. Auf den Brettern aber viel pralles Leben. Etwas ausgelassene, auch im Chaos geschickt dirigierte Massenszenen und turbulente, auch Rituelles ausdrucksstark einbeziehende Tänze (Maurizio Giannetti). Dazu geschliffene Dialoge in jenem doppelbödigen Stil, der mit dem jüdischen "Schtetl" und Scholem Alechems "Tevje, der Milchmann" so untrennbar verbunden ist. Und dann eine Musik (Jerry Bock), die unangestrengt das chassidische Idiom nutzt und von starker, vor allem tänzerisch hinreißend vitaler Wirkung ist. Die Aufführung des Ganzen - übrigens eine Produktion des Schauspiels!- gelingt in Gestik, Mimik, Sprache und Gesang hinsichtlich der anspruchsvollen Absichten der Autoren auch im Detail sehr überzeugend. [...]

Ekkehard Ochs

Nachtkritik vom 3.2.2014