Text
Text
Text
Text
Text

Der Freischütz

Romantische Oper in drei Aufzügen von Carl Maria von Weber Libretto von Friedrich Kind

Termine

Für den Jägerburschen Max steht alles auf dem Spiel. Wenn er die Tochter des Erbförsters Kuno heiraten möchte, muss ihm der traditionell dafür verlangte Probeschuss gelingen. Max ist sonst der beste Schütze. Doch seine große Liebe zu Agathe und die Angst, im entscheidenden Moment zu versagen, lassen ihn unsicher werden. So wird er zur leichten Beute des Jägerburschen Kaspar, der ihn überredet, in der Wolfsschlucht immer treffende Freikugeln zu gießen. Damit liefert er Max an Samiel, den Schwarzen Jäger, aus. Doch der Pakt mit dem Teufel hat es in sich: Max verliert sich im Leichtsinn, und Agathes böse Vorahnungen scheinen nicht mehr unbegründet …

Carl Maria von Webers „Freischütz“ gilt bis heute als Inbegriff der deutschen romantischen Oper. Die Wahl des Sujets und die atmosphärisch verdichteten Klänge der Partitur trafen den Nerv seiner Zeit und ließen das Werk schnell zur Nationaloper avancieren. In ihr fand das junge bürgerliche Deutschland Stimme und Ausdruck. Die Schauplätze sind nicht mehr Kirchen oder Ritterburgen, sondern das Försterhaus und die Schenke. Doch Webers „Freischütz“ ist fern aller Idyllik. Die Handlung spielt in den Wirren der Nachkriegszeit. Verlust und Entbehrung lassen die Sehnsucht nach Recht und Ordnung übergroß werden. Wie leicht werden in solchen Zeiten Traditionen und Rituale zu Werkzeugen der Ausgrenzung. Es ist nicht alles romantisch im deutschen Wald.

Text

PRESSESTIMMEN

Bedrohung durch dunkle Macht komisch entzaubert

 

Carl Maria von Webers romantische Oper „Der Freischütz“ hatte am Theater Vorpommern Premiere.

Es ist eine Oper wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich: „Der Freischütz“. 1821 in Berlin uraufgeführt, brach die romantische und erste große deutsche Volksoper die italienische Überpräsenz an deutschen Opernhäusern. Weber entdeckte den dunklen deutschen Wald für die Bühne, thematisierte die Ideen der Romantik, das blinde Walten unergründlicher Kräfte der Natur, das unausweichliche Schicksal und einen mythischen Sagengrund, dem bald so jemand wie Wagner folgen sollte. Adorno bezeichnete die Oper später als „Höllenvision aus Biedermeierminiaturen“, aber man kann’s auch übertreiben.

Webers Komposition ist reich an wunderbaren Melodien, mitunter ausgesprochen liedhaft. Zum Beispiel das mehrstrophige „Wir winden dir den Jungfernkranz“ oder der Jägerchor vorm Freischuss – in Stralsund ein leidenschaftliches Ständchen des Opernchores.

Die Inszenierung von Horst Kupich bedient sich in der Ausstattung von Christopher Melching einerseits aus der Klischee-Kiste der deutschen Romantik, so läuft der Zuschauer mittels Stolperkamera u.a. während der schon alles in sich tragenden Ouvertüre erst einmal hinein in den dichten deutschen Wald. Andererseits weiß man nicht: Handelt es sich um eine Parodie oder ist der schwarze Jäger Samiel im Ernst so ein Freak? Denn die Figur, gespielt von Stephan Waak, wirkt, als hätte sie sich aus dem schrillen „Ein Käfig voller Narren“ in den „Freischütz“ verirrt. Samiel soll in seiner komischen Überwelt alles andere als eine tödliche Bedrohung darstellen.

Nun ja, die Entzauberung ist gelungen. Aber man möchte auch im Sinne der die Handlung vorgebenden Musik Caspar und Max die Todesangst in der Wolfsschlucht glauben. Die dramatische Schlüssel-Szene und der Höhepunkt der Oper würgt sich durch das Gekasper der angeblich dunklen Macht selbst die Luft ab. Zumal Regisseur Kupich sie in Agathes Wohnstube verlegt hat. Die Aussicht auf die Ehe – eine tödliche Falle? Danach wirkt sogar der Auftritt der Brautjungfern (mit Hammelkeulenärmeln und Schute ausgestattete Chorsängerinnen) beängstigend komisch.

Das Orchester wie gewohnt in Hochform unter Leitung von Golo Berg. Bei der Besetzung zahlen sich in dieser opera-comique-artigen Fassung die Rollendebüts fast aller Sänger aus. Hier freien immerhin keine älteren Herren und das Ännchen wie auch Agathe sind mit Linda van Coppenhagen und Ljubov Belotskovskaya glänzend und erfrischend besetzt. Dennis Marr als Max versucht seit seiner Arie „Nein, länger trag ich nicht die Qualen“ im ersten Akt die Spannung bis zu seiner Schießprüfung Ende des zweiten Aktes zu halten. Da lümmelt aber Samiel als Aufmerksamkeit saugende Transe auf dem Fürstensessel und es macht höchstens Piff, als Agathe im Brautkleid hingestreckt wird. Eigentlich schön, der Abend. Aber der Teufel steckt eben, hier unglücklicherweise, im Detail.

von Juliane Voigt, Ostsee-Zeitung, 13.10.2014

DER FREISCHÜTZ - Greifswald, Theater Vorpommern

Aufführung
Passend zum Motto „bürgerlich“ für die laufende Spielzeit am Theater Vorpommern sind Bühnenbild und Kostüme am Stil des Biedermeier orientiert. Die drehbare Bühne hat zwei Seiten, eine Waldschänke und Agathes Zimmer. Auch die Wolfsschlucht-Szene spielt sich dort ab, durch Beleuchtungseffekte verfremdet. Der Wald taucht in Form von herabhängenden romantischen Gemälden und als Projektion auf dem Vorhang während der Vorspiele auf. Bilderrahmen werden als zentrales Motiv verwendet. Besonders körperlich gegenwärtig ist die Rolle des Samiel gestaltet: Ein weiß geschminkter Schauspieler tritt immer wieder als verführender Mephisto auf, am Ende sogar – für alle sichtbar – als Fürstengattin verkleidet.

Sänger und Orchester
Die sängerische und schauspielerische Leistung aller Solisten war durchweg sehr gut, alle Rollen waren perfekt besetzt. Besonders der junge Tenor Dennis Marr (Max) überzeugte auf ganzer Linie: Seine wunderbar ausgewogene, durch alle Register und in allen Lautstärken gleichermaßen natürliche, klangvolle Stimme voll weichen Timbres und schillernden Nuancen war ein Genuß für die Ohren. Liubov Belotserkovskaya (Agathe) bildete mit ihrem dunkel gefärbten, ausdrucksstarken Sopran und dem großen Vibrato, wodurch sie gerade die düsteren Ahnungen ihrer Rolle perfekt umsetzte, einen schönen Kontrast zur fröhlichen Linda van Coppenhagen (Ännchen), die zwar das Publikum über eine angeschlagene Stimme vorwarnen ließ, dann aber mit glockenklaren Höhen und hellem, reinen Klang, nur gelegentlich kaum hörbar eingetrübt, begeisterte. Auch die tieferen Stimmen beeindruckten: Alexandru Constantinescu (Kaspar) mit klarem, leicht nasalem Bariton und dem Blick eines Mannes, der dem Wahnsinn nahe ist; Tye Maurice Thomas (Erbförster Kuno) mit warmem, sonorem Baß, der eher den liebevollen Vater als den militärisch strengen Vorgesetzten suggerierte; Thomas Rettensteiner (Fürst Ottokar) mit durchschlagender Kraft und unanfechtbarer Autorität; und schließlich Roger Krebs (Eremit), der mit imposantem Auftreten und posaunengleichem Baß auch glaubhaft die Apokalypse hätte verkünden können.

Letzterer sorgte unbeabsichtigt für den Beweis, daß auch das Orchester an diesem Abend wachsam und gut auf die Sänger abgestimmt war – ein schlecht getimter Einsatz in der vorletzten Szene brachte beinahe das gesamte musikalische Gebilde zum Einsturz. Aber unter der souveränen Leitung von Golo Berg konnte das Orchester reagieren und die Situation ohne Abbruch entschärfen. Der Dirigent verlangte volles Risiko gleich zu Beginn, als er die Ouvertüre im leisesten Pianissimo beginnen ließ, zugunsten eines atmosphärischen Klangeindrucks, leider auf Kosten zweier Kiekser im Hornthema. Insgesamt aber war das Ensemble in guter Form. Das gilt auch für den verstärkten Chor, der, wie gewohnt, sich schauspielerisch gekonnt an der Handlung beteiligte.

Den tiefsten Eindruck von allen hinterließ der Schauspieler Stephan Waak (Samiel), der mehr mit Gesten als mit Worten einen gespenstischen, allerdings sehr menschlichen, verspielten und doch gefährlichen, trotz seiner Bösartigkeit, sympathischen und charmanten Verführer darstellte.

Fazit
Eine durch und durch gelungene Opernaufführung, die vom zahlreich erschienenen Greifswalder Publikum verdientermaßen mit außergewöhnlich langem Applaus belohnt wurde!

von Anna-Juliane Peetz-Ullman, operapoint, 18.10.2014

Leid oder Wonne,
beides ruht in deinem Rohr!