Text
Text
Text

Fotos: MuTphoto

Der Turm

Nach dem Roman von Uwe Tellkamp Bearbeitung: John von Düffel

Termine

"Sie sind jung, an Ihrer Stelle würde ich auch gehen."

Seit seinem Erscheinen 2008 gilt Uwe Tellkamps in buddenbrookscher Manier verfasstes Prosawerk als Roman der Wende, der die letzten sieben Jahre der DDR beschreibt. In dem tausendseitigen Gesellschaftspanorama zeichnet er das dramatische Geschehen eines in den Untergang taumelnden Gesellschaftssystems. Bis in die kleinsten Strukturen zeigen sich deutliche Zeichen des Verfalls. Der Arztsohn Christian Hoffmann, zu Beginn der Handlung 17 Jahre alt, versucht wie seine Familie, den inhaltsleeren sozialistischen Parolen eine schützende Bürgerlichkeit entgegenzusetzen. Er scheitert an den Quälereien in der NVA. Sein Vater Richard, leitender Chirurg, hat sich im Sozialismus mit seiner Geliebten ein vermeintlich gutes Leben eingerichtet, aber die Staatsicherheit wird ihn mittels einer lang zurückliegenden Verfehlung erpressen und sein Leben zerstören. Onkel Meno, Lektor in einem renommierten Verlag, ist ein poetischer Beobachter zwischen den Welten der Anpassung und der vergeblichen Auflehnung, hat aber Zugang zum Sperrbezirk der Elitekader. Der Rückzug in den Elfenbeinturm ist im Sommer `89 nicht mehr möglich, jeder in der Familie muss sich entscheiden, sucht für sich einen möglichen Weg.

Auch 25 Jahre nach der Wende scheinen die Blicke zurück in ein untergegangenes Land, je nach eigener Erfahrung und Wertung, sehr verschieden. Und so wird „der Turm“ auch zu einem Prüfstand für die eigenen Hoffnungen und Illusionen im Zusammenhang mit der DDR, ihrem Ende und dem Neuen, das dann begann.





Produktionssponsor Autohaus Boris Becker

PRESSESTIMMEN

Bröckelnder Beton

[…] Für die Inszenierung hat Simone Steinhorst eine ansprechende Bühne entworfen: Die Ansicht eines stereotypen Neubaublocks, die als Projektion um 90 Grad nach hinten gekippt wird. Schauspieler liegen am Boden oder stehen in der kaleidoskopisch verdrehten Raumillusion auf imaginierten Balkonen. Der Plattenbau am Boden wird im Verlauf des Abends mehr und mehr abgetragen. […]Sind es am Anfang nur Löcher der Genossen von der Stasi, die diese wie Fallen ausheben, ist es am Ende ein mehr oder weniger getarntes Lügengerüst, über das die Protagonisten balancieren oder der Soldat Christian in voller Ausrüstung über die NVA-Sturmbahn fegt – oft erbarmungslos direkt in die Wasserbassins an der Bühnenkante. Alle Orte haben ihre fast ikonografische Entsprechung in der Projektion, die Tapete, die Wanduhr aus getriebenem Messing oder der OP-Saal. Trotz rasanter Erzählgeschwindigkeit weiß man immer, wo man gerade ist.

Der Abend zeigt umwerfende schauspielerische Leistungen, zum Beispiel Markus Voigts Dr. Hoffmann, der sich drei Stunden lang gegen seinen Untergang stemmt oder Marko Bahr als perfider Stasi-Feldwebel und opportuner Dr. Weniger. Vor allem aber gehört er einem jungen Schauspieler: Fabian Prokein. Es ist sein erstes Engagement. Prokein glaubt man jeden Satz, weil er weiß, was er sagt. Und weil er sich so überzeugend entwickelt von einem schüchternen, intelligenten Jungen, einem rotgespülten Streber mit ersten Haltungskorrekturen zu einem verrohten, an seiner tumben und entmenschlichten Umwelt Verzweifelnden.

Rößler arbeitet Dokumentationen aus der Wendezeit in die Inszenierung ein. So bekommt auch Hans-Dietrich Genscher im Greifswalder Theater für seinen berühmten unvollendeten Satz vom 30. September 1989 in der Prager Botschaft noch einmal Szenenapplaus. Dazu Bild-Dokumente der gewalttätigen Auseinandersetzungen am Dresdner Bahnhof. Ihnen steht Christian als Unteroffizier in voller Montur gegenüber. Eine Nacherzählung, die hier sehr realistisch wirkt. Und dann erkennt er ganz langsam seine Mutter. Der sich langsam in ihm aufbauende Schrei: "Mama!" bleibt förmlich in der Luft stehen – wem da der Atem nicht stockt, der hat ein kaltes Herz.

Vorpommern hat jetzt, 25 Jahre nachdem das alles mehr oder weniger so passiert ist oder so passiert sein könnte, die Wende noch einmal zu sich geholt. Nochmal zum Anfassen sozusagen. Besonders geeignet auch für die nächste Generation.

Nachtkritik 3.10.2014 von Juliane Voigt

Ein Abgesang auf die DDR in grellem Schwarz-Weiß

Der DDR weint heute niemand mehr eine Träne nach. Doch zuweilen, besonders an Jahrestagen wie dem bevorstehenden zum Mauerfall, konfrontiert sich das Land mit Erinnerungen an diese untergegangene Gesellschaft. Das ist hart und unbequem, fordert aber auch Debatten über die Form der Erinnerung heraus.

Das Theater Vorpommern brachte am Vorabend des 24. Jahrestages der deutschen Einheit in Greifswald das Schauspiel „Der Turm“ nach Uwe Tellkamps Roman über die letzten sieben Jahre der DDR und deren Untergang heraus. Regisseur André Rößler hat es zupackend und in flüssigen Szenenfolgen inszeniert; theatralisch überzeugend wird es zudem durch das „Mitspiel“ des Bühnenbildes von Simone Steinhorst, das im Laufe des Abends stückchenweise demontiert wird: reduziert um Platten und damit um gangbare Wege. Am Ende steht nur noch ein kahles, gefährlich zu begehendes Gerüst da, auf dem die Akteure immer waaghalsiger durchs Spiel (und durchs Leben in der sterbenden DDR balancieren). 

Zugleich aber reduziert John von Düffels Bühnenfassung den knapp 1000-seitigen Roman geradezu schmerzlich. Diese Reduzierung ist so krass, dass der Zuschauer ohne Kenntnis des Buches oder des TV-Zweiteilers von Christian Schwochow, der gegenwärtig durch die dritten ARD-Programme flimmert, hier kaum ahnen kann, warum das Stück überhaupt „Der Turm“ heißt. Tellkamp lieferte das schillernde Panorama einer Parallelwelt aus Medizinern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Parteifunktionären, die jenen „Turm“ der Privilegierten weit über den Normalbürgern bevölkern, sich mit bildungsbürgerlichem Habitus, DDR-Witzen und Seitensprüngen ein komfortables Obergeschoss derDDR-Nischengesellschaft einrichteten – das Stück dagegen bietet grelles Schwarz-Weiß. Statt jener Mischung aus innerer Emigration, Fluchtgedanken und der Bereitschaft, für die eigene Karriere mit der Staatsmacht zu dealen und so das System mitzutragen, reduziert die Bühne diese brisante Komplexität auf eine Schablone, die es allen zu einfach macht: Dort das System mit dämonischer Fratze aus bösen Stasi-Leuten, NVA-Feldwebel und einem korrupten Rechtsanwalt – hier einfache, leidende Menschen, vornehmlich in Opferrollen.

Im Zentrum steht Christian Hoffmann: weniger eine Geschichte des Suchens, eher eine des Leidens. Ein sensibler Junge, der wie sein Vater, der angesehene Arzt Richard Hoffmann (Markus Voigt), Medizin studieren möchte. Für den Studienplatz geht er drei Jahre zur NVA und lernt dort, vor allem im Armeegefängnis, die tiefsten Abgründe des Regimes kennen. Freilich mag man bei dieser Geschichte ein Restmisstrauen empfinden: wenn da jemand, der sich für drei Jahre Armee verpflichtete, sich selbst auf der Bühne in Uniform als „Gegner des Systems“ bezeichnet.

Fabian Prokein gibt diesen Christian mit kräftigen Zügen von Unschuld, später ebenso heftiger Verzweiflung. Mit ihm auf der Bühne ein starkes Schauspielerensemble, das wegen der Reduzierung der Geschichte kaum Figuren entfalten kann. So arbeiten Claudia Lüftenegger, Jan Bernhardt, Jörg F. Krüger, Frederike Duggen, Torben Lischewski, Susanne Kreckel, Anna Luise Borner, Lutz Jesse und weitere eher an einem Gesamtbild.

4./5.10.2014 von Dietrich Pätzold

Tellkamps Theater

Auch wer ihn nicht gelesen hat, ging hin. Am Wochenende feierte die Bühnenfassung von Tellkamps Turm in Stralsund Premiere.

„Der Turm“ von Uwe Tellkamp. Gelesen hat es, wer keine Scheu hat vor Büchern im Ziegelsteinformat. Spätestens nach dem Fernseh-Zweiteiler wurde es aber ungemütlich auf vielen deutschen Sofas. Denn, wie Marianne Birthler es formulierte, scheint die DDR für manche Menschen im Rückblick immer attraktiver zu werden. Sie fantasieren sich ein menschenfreundliches, gerechtes und friedliches Land zusammen. Wer sich nicht bewegt, so Birthler, spürt keine Ketten.

Tellkamps Familiendrama ist nun von dem Bühnenautor John von Düffel fürs Theater bearbeitet worden. Es ist eine mit knapp dreieinhalb Stunden asketische Bühnen-Version, es bleibt wenig Zeit für Pathos und den typischen DDR-Klamauk, wer mit wem was tauscht, damit er an seinem Häuschen oder Auto basteln kann. Zum Glück. Es geht um die Einschläge, die immer näher kommen bei Christian Hoffmann, dem Alter Ego Tellkamps.

Am Samstag war die Premiere im Stralsunder Haus. André Rößler hat in seiner Inszenierung große Bögen ebenso gezogen wie feine Linien. Die Bühne von Simone Steinhorst ist eine auf den Bodengekippte Betonblock-Fassade. Nichts mit Weißer Hirsch Dresden. Aber die Handlung pendelt von diesem klischeehaften Parkett aus mit Hilfe von Bild- und Filmprojektionen ganzsortiert zwischen bildungsbürgerlichem Privatbereich der Hoffmann- Familie, dem Krankenhaus, dem destabilisierten Liebesnest des beinbeißerischen Moralisten, schließlich dem Internat und der Schule von Christian, der NVA-Hölle und der politischen Haft. Es wird gequalmt, was die Lungen hergeben. Das wurde es ja überall. Und wie Ganoven beginnen zwei Stasi-Spitzel zuerst unauffällig Bodenplatten mitzunehmen und durchlöchern den Boden schließlich so, dass Hoffmann nur noch wie durch ein Tretminenfeld durch sein verlogenes Leben balancieren kann. Es ist mutig von Rößler, das Publikum als Stellvertreter anzusprechen. „Sie waren doch mal ganz auf unserer Seite! Hier, Ihre Unterschrift.“ Christian, auf dieser Bühne herausragend gespielt von Fabian Prokein, entwickelt sich von einemschüchternen Abiturienten zu einem verrohten Militaristen und findet schließlich eine Haltung zu sich und der ganzen unfassbaren Katastrophe seines jungen Lebens. „Es war richtig, dass ich hier war. Ich war ein Gegner des Systems.“ Spricht er aus der Dunkelzelle, die Rößler ebenso im Off belässt. Lassen kann. Der Text reicht.

Es ist die Geschichte von einem Land, das überraschend verschied und einen Jungen, dem ideologieverbrämte Hirnis das Leben zu amputieren versuchten. Es sind aber auch die kleinen Nebenhandlungen, die wie feine Linien, trotz der radikalen Kürzungen, wie Nano-Fäden innerhalb der großen Bögen, ergänzend Erzählungen zulassen. Sein Vater, der auf den Putz haut, als gäb's ein Fundament, ganz großartig gespielt von Markus Voigt. Oder seine Mutter (auch super Leistung Claudia Lüftenegger), die nur sieht, was sie will, der vergötterte Onkel Meno (Jan Bernhard), der unter seiner Feigheit ein bisschen leidet, aber immer wieder auch Verteidigungsmodelle hervorbringt, dass einem Nietzsches Satz: „Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut“ einfällt. Oder Reima (Anna Louise Borner), der Christian schon misstraut, weil sie einfach nur total ahnungslos ist und nicht nur so tut. Das war ja in der Mehrzahl der Fälle so. Viele, die nicht hinsahen oder zweifelten und am Ende einen Studienplatz für Medizin hatten. Wer sich nicht bewegt, spürt keine Fesseln.

Alle erzählen dem Jungen irgendwas von Aufrichtigkeit und Verrat und wundern sich, wenn er mit dem System kollidiert. Das sind feine kleine Erzählungen, die das Stück zusammenhalten. Christian, das ist der große Bogen auf dieser Bühne, bleibt dieser feinsinnige, bildungshungrige Junge, der seinen eigenen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Lüge führt, führen muss, für alle mit. Fabian Prokein, ein noch sehr junger Schauspieler, hat diesen Spannungsbogen die ganze Zeit auf subtile Weise halten können. Ganz ergreifend die Szene, in der er betrunken, vulgär, brutal und lebensverachtend seine Ideale scheinbar aufgegeben hat. Oder sich zumindest Mühe gibt, dies zu tun. Und wie er selbst schon einen Panzer um sich gezogen hat, als er in den Panzer steigt, als er noch versucht Burre zu helfen, der sich nicht helfen lassen will. Burre ertrinkt ergreifend an einer Flasche Wasser. Sören Ergang hat diesen etwas tumben Helden brillant hingekriegt. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist „Der Turm“ auf der Bühne in Stralsund ein Stück vom großen Kuchen DDR-Gedenken. Schmeckt ein etwas bitter? Gut so.

Ostsee-Zeitung, 27.10.2014 von Juliane Voigt