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FruehlingsErwachen 2.0

Fotos: MuTphoto

Frühlingserwachen 2.0

Fassung von André Rößler frei nach Frank Wedekind

Termine

"Ja, die Welt ist wundervoll."

Melchior, Wendla, Hänschen, Martha, Moritz und Ilse auf dem Sprung ins Erwachsensein. Wäre gar nicht so schlimm, wenn die Eltern und Lehrer ihnen nicht ständig Steine, manchmal Felsbrocken in den Weg legten. Wedekinds Zeitgenossen galt manche Spielart der Sexualität als pervers, und Jugendliche wurden mit Kindermärchen abgespeist oder mit abstrusen Drohungen verunsichert, wollten sie zum Wesen ihrer Geschlechtlichkeit etwas erfahren, Wissensdurst wurde durch sinnlose Bildungsschikane erstickt. Die Vorbildgeneration der Eltern kommt wahrlich nicht gut dabei weg.

Ein Jahrhundert später ist die allgemeine mediale Verfügbarkeit von Sex grenzenlos. Sind die Jugendlichen dadurch freier, selbstbewusster geworden? Oder warten neue Ängste und monströse Erwartungen auf die „Gerade-nochKinder” und „Noch-nicht-Erwachsenen”? Wie fühlt sich der erste Sex an, wenn man alle Bilder schon gesehen hat? Wie liebt die „Generation youporn”? In der Fassung von André Rößler wird das alte Thema mit neuen Fragen konfrontiert.

PRESSESTIMMEN

Frühling zwischen Pubertät und Pornografie

 

Rebellion, die ersten sexuellen Erlebnisse, den Rausch von Alkohol und Drogen spüren ... Genug Stoff für die Pubertät vieler Jugendlicher und für ein Theaterstück mit dem Titel "FruehlingsErwachen 2.0", das am Sonnabend im Stralsunder Theater Premiere feiert. Das Stück ist vorwiegend für junge Leute gemacht, schließt aber älteres Publikum nicht aus. Die Zuschauer verfolgen, wie sechs Jugendliche zueinander finden, ihr Dasein in vollen Zügen auskosten. Doch nicht alles gelingt. Während der 13- jährige Moritz Gefahr läuft, die Klasse wiederholen zu müssen, erleben Wendla und Melchior ihren ersten Sex miteinander. Wendla wird sofort schwanger. Ihre Mutter zwingt sie zur Abtreibung- mit dramatischen Konsequenzen. Modern inszeniert wurde das Stück von Regisseur André Rößler. Das Original stammt aus der Feder von Frank Wedekind und erschien 1891. Die Geschichte handelt von Menschen, die sich auf der Schwelle zum Erwachsensein befinden und sich gegen die Gesellschaft auflehnen. Sie war für Wedekind eine Anprangerung der strengen Moralvorstellungen seiner Zeit, eine Provokation. "Im ersten Weltkrieg wurde es sogar verboten", erzählt Franz Burkhard, Dramaturg des Stücks. "Erst 1928 wurde es erstmals wieder aufgeführt." Doch Zeiten ändern sich. Rößler wählte deshalb den Titelzusatz "2.0", um zu verdeutlichen: Dies ist eine erneuerte Version. "Das Drama soll die Probleme von Jugendlichen in der Neuzeit betrachten und ist frei erzählt."  Um die Fassung zu modernisieren , bezog Rößler neue, bei der jungen Generation beliebte Medien wie das soziale Onlinenetzwerk Facebook und die Videoplattform Youtube ein. Auch mit der Sexualität der heutigen Jugend beschäftigt sich Regisseur Rößler: "Heute können sich die Jugendlichen pornografische Bilder und Filme im Internet anschauen und denken, so sähe Sex aus." [...] So wird auch auf das intime Zusammenkommen der Hauptakteure in "FruehlingsErwachen 2.0" nicht verzichtet. Wie genau das aussehen wird, will Rößler nicht verraten. Nur soviel: "Es wird sehr ästhetisch." [...] Bei der Umsetzung der Geschichte verließen sich Regisseur Rößler und sein Team nicht nur auf ihre Fantasie. Inspiriert wurden sie auch von Greifswalder Schülern. "Sie bekamen von uns einige Textstellen und drehten dazu Videoclips. Während des Stücks wird ein Film im Hintergrund auf einer Leinwand laufen", erklärt Dramaturg Burkhard. Am Samstag wird sich zeigen, ob das Stück ein Beziehungsratgeber ist oder einfach nur provoziert.

 

Vorausschau , 22.05.2014 von Christin Weikusat

Tragödien auf dem Jahrmarkt des Lebens

 

Diese Jugend von heute! Sie kleidet sich unangemessen, denkt nur an das Eine und lebt geradezu selbstzerstörerisch. Mit "Frühlingserwachen- Eine Kindertragödie" zeigte Frank Wedekind, dass bereits im deutschen Kaiserreich der Generationenkonflikt dramatische Auswirkungen hatte. Sein Skandalstück wurde von André Rößler, dem Schauspiel-Leiter des Theaters Vorpommern, erneuert: "FruehlingsErwachen 2.0". Die Adaption des Klassikers, die am Sonnabend in Greifswald Premiere feierte, handelt von sechs pubertierenden 14- Jährigen unserer Tage: Melchior, seinem besten Freund Moritz, dem Dreiergespann Wendla, Martha und Ilse sowie vom Außenseiter Hänschen. Während Melchior (Dennis Junge) und Wendla (Frederike Duggen) gemeinsam ihre Sexualität und ihre sadomasochistischen Neigungen entdecken, müssen sie sich auch mit einer ungewollten Schwangerschaft auseinandersetzen. Martha (Anne Greis) wird von ihren Eltern misshandelt und ist interessiert an Hänschen (Ronny Winter), der alles filmt und auch mit einem Staubsauger sexuell experimentiert. Moritz (Fabian Prokein) bangt zwischen absoluter Freude und Depression um seine Versetzung. So kommt er zu dem Schluss, nur Selbstmord könne seinen Wunsch nach Freiheit erfüllen. Auch Ilse (Anna Luise Borner), die sich als erfahrenes Sexsymbol darstellt, kann Moritz nicht von diesem Schritt abbringen. Die Erwachsenen, die im Original eine erdrückende Mehrheit darstellten, werden hier nur noch durch Wendlas Mutter (Gabriele Püttner) und Moritz' Vater (Hans-Jörg Fichtner) vertreten. Sie zeigen nur ein Mindestmaß an Strenge und Prüderie des Originals. Hier wird die Jugend selten verurteilt, eher von der älteren Generation ignoriert. [...] Themen wie Sex, Depression, Voyeurismus oder Gewalt werden vor dem Hintergrund einer fröhlichen Jahrmarktskulisse dargestellt. So zeigt sich das Leben der Pubertierenden oftmals als Kontrast zur Musik und Bühnenausstattung. Aufgelockert werden die Szenen häufig mit komischen Elementen. Auf die moderne Umsetzung werden die Zuschauer bereits vor Beginn des Stückes eingestimmt. Sie werden gefilmt und gut sichtbar auf ein Zelt projiziert. Während des Stückes laufen dort immer wieder Filme, die das Lebensgefühl der Jugend darstellen. Unterstrichen wird dies mithilfe von Musik und szenischer Referenzen aus Filmen der Popkultur. Das Stück endet in einem szenischen Tumult, bei dem eine Wassermelone, eine Videobotschaft aus dem Jenseits und ein Lied im Fokus stehen. "FruehlingsErwachen 2.0" ist eine gelungene Inszenierung, die mit ihrer Komplexität zu wiederholten Besuchen einlädt.

Nachtkritik, 7.4.2014 von Johanna Hegermann