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In Love

Fotos: MuTphoto

In Love - Serenade / Carmen

Ballettabend von Ralf Dörnen Musik von Leonard Bernstein und Rodion Shchedrin / Georges Bizet

Termine

Liebe ist es ja ohnehin, worauf all mein Philosophieren zuletzt hinausläuft. - Sokrates in Platons Gastmahl

 

Nach der feierlichen Uraufführung im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2014 mit dem weltbekannten baltischen Geiger Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica übernimmt das BallettVorpommern den zweiteiligen Abend „In Love“ nun als Premiere in die neue Spielzeit. Tonangebend sind zwei Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert, die sich – wie der Titel erahnen lässt – auf je ganz eigene Weise dem Thema Liebe widmen und zu einer tänzerischen Begegnung mit dem vielleicht größten Mysterium der Menschheit inspirieren.

Den Anfang macht Leonard Bernsteins „Serenade nach Platons Symposium“, die sich mit lyrischer Eleganz und jazziger Dynamik an das berühmte, gleichnamige literarische Gastmahl zu Ehren des Eros anlehnt. Über­schrieben mit den Namen der Originalredner, spüren die musikalischen Sätze den unterschiedlichen philosophischen Darstellungen des Wesens der Liebe nach und werden dabei durch das immer wiederkehrende Thema der Solovioline miteinander verbunden. Auch die vielgestaltigen chorographischen Zwiegespräche drehen sich an der festlichen Tafel allesamt nur um das eine begehrenswerte Zentrum: die geheimnisvolle Schönheit in rot. Im zweiten Teil des Abends erklingt Rodion Shchedrins Carmen-Suite, ein Arrangement der Bizet-Oper für Ballett. Während die moderne Instrumentation mit Klängen von Marimba bis Kuhglocke dem Publikum eine völlig neue Hörperspektive auf die eingängigen Melodien eröffnet, bricht der Tanz die vielfach inszenierte Geschichte auf den Konflikt der beiden Hauptfiguren herunter. Gedoppelt durch fünf Paare erleben die freiheitsliebende Carmen und der ihr leidenschaftlich verfallene Don José eine ausweglose Beziehung, die von Beginn an den Schatten des Todes im Nacken spürt.

PRESSESTIMMEN

Tanz durch das Liebesleben

Stralsund - In Love: Serenade/Carmen ist ein Balletabend von Ralf Dörnen mit dem Ballett Vorpommern. Am Samstagabend war Premiere. Genau genommen war es die zweite Premiere nach einem Abend im Hochsommer, der aber zum Programm der renommierten Festspiele Mecklenburg- Vorpommern gehörte. Dörnen hatte das Ensemble Kremerata Baltica - junge Musiker und Musikerinnen aus Lettland, Litauen und Estland - live mit auf der Bühne. Das war auch schön, aber mit der Musik vom Band gehörte die Aufmerksamkeit nun den Tänzern ganz. Für die Serenade für Violine, Streichorchester , Harfe und Schlagzeug nach Platons "Symposion" von Leonard Bernstein ist die Bühne mit einer langen Tafel und einem Bühnenhinterbild - ein Ausschnitt aus einer Stilllebendarstellung der Renaissance - ausgestattet. Yoko Osaki, in rotem Einteiler und Pelz, die als Gastgeberin teils beobachtend und von außen lenkend, aber auch als Mittelpunkt die Handlung bestimmte. Platons Symposion ist die antike Schrift über die Liebe. Auf die sich alles bezieht, was aus den Urzeiten menschlichen Schrifttums davon überliefert ist. Die Liebe als Hauptthema eines philosophischen Abends. Mit der vielzitierten Legende von Halbmenschen, die von zornigen Göttern getrennt durch die Welt laufen und nach ihrer anderen Hälfte suchen. Die vier Paare um die Frau in Rot tanzten sich durch das gesamte menschliche Liebesleben. Durch Freude und Elend. Kurze Affären und Leidenschaften, Betrug und die Liebe fürs Leben. Die grauen Gaze-Anzüge des Ensembles neben der Frau in Rot wirkten dabei wie Gefängniskleidung. Rot als Symbol der Macht. Grau der Mensch, der liebt und nicht liebt und nicht mehr liebt und das bis zum Ende seiner Tage. Die Carmen-Suite für Streicher und Schlaginstrumente ist eine Ballet- Bearbeitung der berühmten Oper von Bizet. Das 13-teilige Werk des russischen Komponisten Rodion Konstantinowitsch Shchedrin ist 1967 am Bolschoi - Theater uraufgeführt worden. Auf dieser Bühne tanzten das berühmte Liebespaar Carmen und Don José: Zoe Ashe-Brown und Stefano Fossat. Vom Unheil gelenkt, der dunklen Macht der Liebe von Anfang an unwissend ausgeliefert. Dörnen hat den beiden grandiosen Tänzern, die sich in der Darstellung von Liebe und Gleichgültigkeit und Hass begegnen und übertreffen, nur einmal ein kurzes Aufflackern geschenkt, gleich am Anfang, ein Augenblick Harmonie, der ausreicht, um das Band zwischen ihnen zu besiegeln. Von da an sind es immer zwei völlig gegensätzliche Gefühlslagen, die aufeinander treffen und schließlich demütigen und töten. In jeder Szene von zwei Dämonen hinter ihnen geleitet. Die ihnen die Köpfe verdrehen und das schreckliche in ihnen wecken. Sie lenken ihre Schritte und Bewegungen, ihr Denken und Fühlen. Immer auch im Mittelpunkt oder inmitten des gesamten glänzenden Ensemble haben die beiden Tänzer und ihre dunklen Schatten das Publikum zu jubelndem Applaus hingerissen.

 

Ostseeanzeiger, 15.12.2014 von Juliane Voigt



Es geht um die Liebe! Festspiele mit großem Tanzabend

 

Greifswald – Balsam für wunde Theater-Seelen und ein Glanzpunkt in schwieriger Zeit: die umjubelte Ballettpremiere am Theater Vorpommern in Greifswalds Großem Haus. Nun sind hier Tanzabende dank Ralf Dörnen und seiner tollen Truppe seit Jahren gebongte Erfolge. Der vorgestrige Abend aber darf als eine von Ecovis großzügig unterstützte Uraufführung der Festspiele MV besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Vieles kam hier glücklich zusammen: eine Idee des Geigenvirtousen Gidon Kremer, der Einsatz seines Ensembles „Kremerata“ und der Auftrag der Festspiele MV, das Theater Vorpommern mögemit seinem Ballett und zwei internationalen Gästen den Abend gestalten. Auch Markus Fein, Intendant der Festspiele, schwärmt nach der Premiere: „Eine beeindruckende Einheit von Bewegung und Musik. Eine fruchtbare Zusammenarbeit von Ralf Dörnen, Gidon Kremer und ihren Ensembles.“ Herausgekommen ist „In Love“, ein mit Leonard Bernsteins Serenade „Symposion“ (nach Plato) und Rodion Schtschedrins „Carmen- Suite“ (Bizet) zweiteiliges Tanzprojekt, für das Chefchoreograph Dörnen beeindruckende Bewegungs- Bilder zu finden wusste. Es geht um die Liebe! Dies weniger philosophisch – wie die „Eros“-Debatte bei Plato nahelegen könnte – sondern eher handfest irdisch und, wie bei Bizet, unerfüllt und bedroht. Entsprechend differenziert lässt Dörnen großflächig auf der Bühne, gestaltet von Hans Winkler, und symbolfarbig in Kostümen von Ralf Christmann agieren. Bei Bernsteins gefälliger Musik geschieht das mit Hilfe einer zentralen „Dame in Rot“, um die herum vier Paare lebendig, aber komplikationslos dialogisieren. Bei Schtschedrin gerät Normales aus den Fugen: die Beziehung des Hauptpaares zueinander – die Gäste Beatrice Carbone (Carmen, Mailand) und Adam Sojka (Don José, Brünn) – erfährt dramatische, in der Katastrophe endende Schärfung. Für die dezidiert tanzbar arrangierte, an Kontrasten reiche Musik findet Dörnen Konstellationen und Bewegungsabläufe von zwingender Stringenz. Durch die Einführung eines ständig präsenten und schicksalhaft agierenden Paares „Tod“ steigert er Expressivität und Leidenschaftlichkeit eines aufs Individuelle konzentrierten Geschehens. In dessen dramatisch packender Gestaltung, die Ballett-Elemente mit prägnantem Ausdruckstanz verband, erreichten das Hausensemble ebenso wie die Gäste beeindruckende Hochform. Dies in engster Verbindung mit einer „Kremerata Baltica“, die unter der Leitung Mirga Grazinyte-Tylas aus Litauen und mit dem Solisten Gidon Kremer für eine musikalisch so makellose Aufführung sorgte. Ein starker Tanzabend, dem zu Recht viel Begeisterung zuteil wurde.

Von Eckehard Ochs, Ostsee-Zeitung, 28. Juli 2014