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TanZZeiT 2015

Zwei zeitgenössische choreographische Uraufführungen Untitled #1 / Pass the Present

Termine

Wenn nach dem Jahreswechsel im Ballettsaal des Theaters Vorpommern klassisch ausgebildete Tänzer und Tänzerinnen mit einem Mal intensiv in zeitgenössische Bewegungssprachen eintauchen und die Vielfalt physischer Ausdrucksmöglichkeiten erproben, dann ist es wieder soweit für die TanZZeiT. Gemeinsam mit dem New Yorker Choreographen Bryan Arias und dem Japaner Shumpei Nemoto wird sich das BallettVorpommern auf die Suche nach neuen Ästhetiken begeben und dabei nicht nur zwei fremde Handschriften entdecken, sondern vor allem auch das Potenzial seiner eigenen kreativen Impulse – „eine Kooperation, von der alle Beteiligten nur profitieren können“, wie es in der Internationalen Fachzeitschrift „tanz“ lautet. Ungewohnte Erlebnisräume, forschende Neugier und überaus spannende körperliche Begegnungen prägen die TanZZeiT seit 1995 und werden auch in dieser Spielzeit wieder zu ganz unterschiedlichen Stücken inspirieren: Angeregt durch John Cages aleatorische Kompositionstechnik untersucht der Japaner Shumpei Nemoto Zufallsprinzipien in der Choreographie, während sich der New Yorker Bryan Arias in mehreren kurzen Geschichten der Verbindung zwischen Erinnerung und Zeit widmet. Wie schon im letzten Jahr kann auch das Publikum wieder selbst hautnah dabei sein und den zeitgenössischen Tanz in Workshops am eigenen Leib miterleben. Weitere Informationen hierzu folgen zeitnah.


Shumpei Nemoto erhielt seine Tanzausbildung in Japan und in Großbritannien. Zwischen 2000 und 2013 war unter anderem Tänzer beim Royal Ballet (England), beim Ballett der Deutschen Oper am Rhein und beim Cullberg Ballet (Schweden). Im Jahr 1999 wurde er mit dem Espoir Prix de Lausanne ausgezeichnet. Seit 2010 ist er als Choreograph in Japan und Europa tätig. In Deutschland choreographierte er unter anderem für  das Festival „Tanztheater International Hannover“, für das Theater Regensburg  2011 und das Kölner Zentrum für Zeitgenössischen Tanz; zweimach wurde er beim No Ballet Wettbewerb (Theater Im Pfalzbau) ausgezeichnet. Zudem arbeitet er regelmäßig als Ballettmeister und Gastlehrer für verschiedene internationale Tanzcompagnien.

 

Bryan Arias lebt und arbeitet in New York. Als Tänzer war er bei internationalen Compagnien wie dem Complexions Contemporary Ballet, Nederlands Dans Theater oder Kidd Pivot engagiert. Als Choreograph wurde er für seine Arbeit  Without Notice beim Internationalen Choreographiewettbewerb Kopenhagen mit dem Hauptpreis sowie dem Publikumspreis ausgezeichnet. Er choreographierte unter anderem für die New Yorker Juilliard School, Hubbard Street 2 und das Nederlands Dans Theater. Sein abendfüllendes Stück a place where something flourishes wurde von Publikum und Presse begeistert aufgenommen („feinsinnig gearbeitet und meisterhaft getanzt“). Kommende Engagements führen den Choreographen zum kanadischen Festival des Arts de Saint-Sauveur und zum Scottish Ballet.

Text Shumpei Nemoto (Foto: Urban Jörén) Text Bryan Arias

PRESSESTIMMEN

Der Körper als Sprachmittler
TanZZeiT-Premiere am Theater Greifswald.

Greifswald – Es ist so verheißungsvoll wie wahr, dass die jährliche TanZZeiT des Theaters Vorpommern das Ballett des Hauses hinsichtlich grenzüberschreitender Kreativität auf besondere Weise fordert. Und das seit 1995. Ralf Dörnens Truppe zählt mit innovativen Inszenierungen ohnehin zu den Aktivposten des Theaters, setzt mit der TanZZeit aber besondere Akzente. So wie vorgestern wieder mit zwei uraufgeführten Gastchoreographien am Theater Greifswald. Dies mit der Maßgabe, beide Tanztheater-Angebote als vorrangig reine Bewegungsstudien zu akzeptieren.
Der Japaner Shumpei Nemoto verfährt dabei recht radikal. In seinem halbstündigen „Untitled #1“ präsentiert er eine auf Zufallsprinzipien basierende Abfolge von Körperbewegungen. Er verzichtet auf jeden Bezug, jeden „Sinnzusammenhang“ mit irgendetwas, verdichtet aber die zunächst vereinzelten und von vielen Pausen geprägten Bewegungsabläufe allmählich zu kollektiveren Aktionen – um wieder beim Anfang zu enden. Musik – das scheint dannlogisch – gibt es nicht! Nur den völlig leeren, großen Bühnenraum, nur die Fokussierung auf im Dämmerlicht vollzogene Bewegungen und ihre „Eigensprache“. Weniger rigoros verfährt der in NewYork lebende Bryan Arias. Sein ebenfalls halbstündiges „Pass the Present“ bemüht nicht näher definierte„Erinnerungen“ und verbindet dabei Momente des klassischen Ausdruckstanzes mit hier Beziehungen und „Begegnungen“ durchaus begründenden akustischen Elementen: Alltagsgeräuschen, diversen musikalischen Floskeln und aleatorischen Klangflächen.
Im Programmheft findet sich der Satz Marcel Prousts: „Unsere Arme und Beine sind voll von schlummernden Erinnerungen.“ Trefflich gesagt – und wo gültig, wenn nicht auf der Tanzbühne! Beide Choreographen sowie die aktiv auch mitchoreographierenden TänzerInnen haben genau das verinnerlicht. In einem ganzen Kosmos sehr variabler, mannigfaltige Momente und Zustände „beschreibender“ Bewegungen demonstrieren sie die hohe Schule tänzerischer wie akrobatischer Körperbeherrschung: einzeln oder in der Gruppe, statisch und aktiv, archaisch wie gefühlsbetont. Wacher Blick und die Bereitschaft für die Akzeptanz des Ungewohnten, ja Ungewöhnlichen sind da schon gefragt. Vorpommerns Ballett vermag dazu so professionell wie überzeugend zu provozieren.

Ostseezeitung, 4./5. April 2015 von Ekkehard Ochs

Applaus und Bravo-Rufe für eine ungewohnte Bewegungssprache

Zur Premiere der aktuellen Tanzzeit am Stralsunder Theater zog das Ballett Vorpommern das Publikum mit zwei zeitgenössischen Choreografien in seinen Bann.


Zur Tanzzeit in diesem Jahr hat das Ballett Vorpommern zwei sehr junge Choreografen eingeladen. Shumpei Nemoto, ein japanischer Tänzer und Choreograph. Und Bryan Arias, ein Südamerikaner, der aber in New York lebt und arbeitet.

Die Tänzer des Balletts, die normalerweise mit Ralf Dörnen zu tun haben, sind es gewöhnt, englisch zu sprechen, das Ensemble, mit Sitz in Greifswald, kommt aus der ganzen Welt zusammen. Die Tanzsprache aber ist während der Tanzzeit eine andere.

Für die Tänzer des Ensembles ebenso wie für das Publikum ist es eine ungewohnte zeitgenössische Bewegungssprache, die jährlich nach Vorpommern importiert wird. Die durchtrainierten Tänzer klagen gar über Muskelkater, weil sie völlig andere Bewegungen ausführen. Und so sah das Publikum am Mittwochabend denn auch die gewohnten Tänzer und Tänzerinnen, aber eben anders.

Das Ensemble hatte sich für beide Choreografen in zwei Gruppen aufgeteilt. Und das Publikum saß in wenigen Zuschauerreihen mit auf der Bühne. Eine konzentrierte Intimität kam da zustande. Und wenn das Publikum auch nach der ersten Tanzzeit in der Pause ein wenig ratlos wirkte, weil das, was als Choreografie von Shumpei Nemoto zu sehen war, dann doch erst einmal zu fremd wirkte, entspannte sich dieser Abend spätestens nach der sehr bildhaften und erzählerischen zweiten Tanzzeit.

Aber der Pendel der Gefälligkeit schwenkte am Ende der Vorstellung gar nicht so sehr zu dem leichtfüßigeren Bryan Arias. Es war vielmehr so, dass man die Körpersprache dieser beiden sehr unterschiedlichen Arbeiten sehr wohl in ihrer Spezialität und im Kontext verstand. Nemotos Tänzern konnte man im Halbdunkel der Bühne durchaus eine Chill-Auszeit unterstellen, bis man die durchaus untänzerisch, im Sinne von alltäglich wirkenden Bewegungen und Haltungen, in denen sie verharrten, als ziemlich anstrengend und unbequem analysierte.

Es baute sich Spannung aus der Abstraktion auf. Unmerklich wurde es heller auf der Bühne, genauso gerieten sie in Bewegungen, in ein abscheuliches keuchendes Tempo des Lebens. Obwohl man den Zusammenhang erst am Ende wahrnahm, als das Licht wieder gedimmt war. Einzige Musik war das Trap Trap der Füße auf der Bühne und eine Feuerwehr, die draußen vorbeifuhr.

Und während im ersten Teil also fünf Solisten auf einer Bühne standen, keiner den anderen berührte oder ansah und den Anschein von weltvergessener Improvisation gab, hatte die Choreografie von Bryan Arias einen narrativen Charakter wenn auch den eines intensiven und sehr haptischen Traums. Ein Wolkensymbol schwebend, eine geschlossene Tür im offenen Raum, ein heller Kreis auf der Drehbühne, die Bilder immer mal wieder in anderen Positionen. Die sieben Tänzer hier eindeutig in steter Kommunikation. Es waren schnelle Bilder, sehr eindeutige, schöne. Berührungen, die auf den Anderen wirkten.

Sehr klare Bilder, Synchronizitäten. Rausgehen und Reinkommen, durch die Tür, die offen steht oder geschlossen wird.

Arias arbeitet viel mit Licht und auch Musik, ein schlichtes Cellosolo oder ruhige Klavierharmonien zu präzisen Parallelbewegungen. Er wechselt aber in den Formationen und Bildern eben wie es im Traum ist, wo sich nichts in Zusammenhänge bringen lässt, wenn auch komplett gesteuert durch das Unterbewusstsein, das diese Traumwirklichkeiten produziert.

Und was für ein frappanter Abgang: in einer Reihe, durch die Tür hinaus ins grelle Licht. Das Publikum würdigte mit lauten Bravos und großem Applaus diese tänzerische Leistung und die Choreografien der jungen Künstler, die bei dieser Zweitpremiere nicht anwesend waren. Dafür hat Ballettchef Ralf Dörnen seinen Tänzern mal wieder Blumen überreicht.

Ostsee-Zeitung, 15.5.2015 von Juliane Voigt