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Der Sturm

“Wir sind vom Stoff, aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben beginnt und schließt ein Schlaf”

Der Sturm

Schauspiel von William Shakespeare

Termine

Prospero ist der rechtmäßige Herzog von Mailand. Durch einen Staatstreich entriss ihm seine intrigante Schwester Antonia die Macht und überließ ihn und seine Tochter Miranda ihrem Schicksal auf hoher See. Doch Prospero und Miranda stranden auf einer Insel und überleben zwölf Jahre lang in Einsamkeit und Ödnis, indem Prospero sich die Wesen der Insel unterwirft und endlich das tut, was er jahrelang verweigert hat: zu herrschen. Als seine alten Feinde Antonia und Alonso der Insel zu nahe kommen, bringt Prospero sie durch einen provozierten Unfall in seine Gewalt, um sich an ihnen zu rächen. Durch kalkulierte Machtausübung und die Kräfte seiner Gehilfin Ariel und seines Sklaven Caliban, beginnt Prospero seine lang gehegten Rachepläne umzusetzen. Er weckt im experimentellen Raum seiner Insel die Leidenschaften, Ängste und verborgenen Alp-Träume seiner Feinde. Am Höhepunkt seiner neugewonnenen Macht verzichtet Prospero jedoch auf seine Rache. Er entscheidet sich gegen die Macht, entlässt seine Inselsklaven in die Freiheit und befestigt seine neue weltliche Macht durch die Hochzeit seiner Tochter Miranda mit dem Königssohn Ferdinand.

 

Wie viele seiner Stücke ist auch Shakespeares letztes Drama voller Kontraste, Ambivalenzen und Widersprüche. Komisches und Tragisches sind untrennbar ineinander verwoben und das vermeintliche Happy End lässt viele Fragen offen.

 

Dramaturg und Regisseur Hannes Hametner inszeniert mit dem Ensemble die hochaktuellen Themen von Macht und Sklaverei, Freiheit, Utopie und Liebe. In ihrer Ausstattung übersetzt Lisa Rohde die Insel in einen zeitgenössischen Raum zivilisatorischen Verfalls.

 

PRESSESTIMMEN

Waterboarding

von Hans-Dieter Schütt

Mailands Herzog Prospero wird verjagt, von seinem Bruder Antonio, dem er doch nur auf Zeit seinen Posten lieh. Denn er wollte mal Ferien machen von der Macht. Eine Auszeit nehmen für den Feinsinn. Urlaub, um seinen Kunstverstand weiter auszubilden. Prospero hatte mitten im Geschäft der Ellenbogen - sonderbare Fingerspitzenambitionen. Fatal. Politik kann nur lebenslang betreiben, wem in der dämonischen Schunkelbude rhetorischer Wiederholungsschleifen nicht schwindelig wird von der eigenen Trivialität. Dem Prospero aber wurde schwindelig, und so wurde er gewaltsam abgesetzt. Ab auf eine einsame Insel! Verbannung, mit Tochter Miranda. Schiffbruch einer Karriere. Wie Robinson einst Freitag fand, so stößt Prospero auf Luftgeist Ariel und das evolutionäre Urvieh Caliban - jenen Eingeborenen, der ihm Knecht wird. Shakespeare, der Dialektiker: Ist Prospero ein Feingeist, so bleibt er doch Westler - man kommt woanders nicht einfach an, man besetzt, man versklavt. Urbarmachung? Raub an der Ursprünglichkeit. Anders geht Leben nicht, will es ein Überleben sein.

Als die Mailänder Gesellschaft, Prosperos Todfeindbande, mitsamt Antonio, nach zwölf Jahren, auf einer Reise zufällig in Inselnähe kommt, lässt Prospero - inzwischen ausgestattet mit Zauberkräften - Sturm und Blitz von der Leine. Ein Rachespiel. Ja, wirklich nur Spiel. Denn kurz vorm Absaufen: Stopp! Waterboarding.

Japsen der Mailänder und Neapolitaner nach Luft, Atemholen für die. Besinnung. Das Stück erzählt jenen unsterblichen Spuk, der Verwirrung stiftet, Überlebende in Trauer über Tote drängt, die gar nicht tot sind - und Tochter Miranda in Verliebtheit stürzt.

Halt! Da war von Prosperos Thron- besessenem Bruder Antonio die Rede. Hannes Hametner hat »Der Sturm« am Theater Vorpommern in Greifswald inszeniert - und aus Antonio wurde Antonia, aus dem Bruder die Schwester. Besetzungsgründe? Die Inszenierung gab mir von sich aus keinen rechten Aufschluss, also erschließe ich mir den Sinn dieser Geschlechtsumwandlung selber: Es ist die E-mann-zipation. Von Anfang an war auch das Weib in die Lockungen der Macht verstrickt. Hosen der Herrschaft verarmen die Zier jeder Frau zur Offizierde. Claudia Lüftenegger gibt diese Antonia mit maulig-kaltem Kalkül. Beim glücklichen Ende, wenn allen vor schönem Staunen der Mund offenzustehen scheint, mahlen ihre Kiefer aufreizend angewidert einen Kaugummi. Dass der Mensch das Gutsein für sich begreift - manche(r) kaut lange an sowas und spuckt’s dann doch wieder aus.

Prospero in Blaumann und schmutzigem Unterhemd. So wuchtet man Ölplattformen ins Meer, so treibt man Sprengladungen in Naturgestein - ein Vorarbeiter der Besiedlung, ein Brigadier jenes Pionierwesens, das der Wildheit einer Natur die Gewalt einer Kultur ins Mark schlägt. Prosperos Magie-Gabe als vorweggenommene Gestaltungsenergie des Industriezeitalters. Der Zauber schwitzt, und die Bühne von Lisa Rohde ist ein Endlager: Miranda spielt gelangweilt mit einem Turbinenrad, Teile einer Autokarosserie und Metallfelgen bilden eine Brache, Sklave Caliban hat in einem Tankkessel seinen Pferch. Das abgelegene Eiland - längst schon eingemeindet als Teilland globaler Verwüstungen.

Manfred Ohnoutka ist als Prospero ganz jener Kraftkerl, den jedes landnehmerische Begehren für den Erfolg benötigt. Als dirigiere er Magnetfelder, so zieht er Ariel befehlsgebend heran oder stößt ihn weg, poltrig, barsch; gnadenlos erpresserisch spielt er mit des Luftgeists Hoffnung auf die versprochene Freiheit. Ist gebietende Kraft und Präsenz. Das Verletzte an ihm bleibt seltenen Mo­menten des Alleinseins und englisch gesungener Melancholie Vorbehal­ten. Dieser Prospero ist aber von An­fang an auch der Beobachter seiner selbst, ln Ausstiegsahnung früh ge­troffen? Ja, als brauchte er die Ein­flüsterungen seines Luftgeistes Ariel gar nicht. Das Seitenportal der Büh­ne wird sein bevorzugter Über­blicksplatz; der Blaumann: bald schon halb abgestreift - wer eine Sache ins Gute wenden will, muss zaubern kön­nen? Nein, wollen! Der Zauber heißt: Friedfertigkeit, Vergebung. Fiese Mailänder, hier meine Hand! Fazit: Sinnvoll in Politik und Geschichte ist nur, was aus Politik und Geschichts­eifer hinausführt. Gnade besiegt Gal­le, Güte trocknet Gift aus, Liebe ge­winnt Gegner füreinander.

Liebe? Miranda und ihr unver­hoffter Künftiger, Neapels Königs­sohn Ferdinand: Anne Greis und Marvin Rehbock. Sie von zeitwider­ständischer Natürlichkeit, er schlak­sig aufgedreht, jungenhaft fiebrig. Das Paar im Schattenspiel auf dem Lamellenvorhang: Hametners Bild­kurzessay über die Liebe. Wechsel der Schattenschnitte von groß auf klein, von nah auf fern, von Berührung auf Entfernung - bis zur Verschmelzung beider. Liebe als ewige Unwirklich­keit inmitten aller Realitäten. Sie ist mit Vernunft nicht herzustellen und mit Vernunft nicht zu zähmen.

Wer liebt, fragt nicht, ob dies er­laubt, günstig oder überhaupt mög­lich sei. Liebe bleibt in einem Sinne Krieg: Sie versucht, alles zu vernich­ten, was gegen sie spricht. Keine Er­kenntnis rettet vorm nächsten Lie­beskummer, kein Gesellschaftsver­derbtheit vor nächster Leidenschaft. Liebe ist also, bevor sie irgendwann Alltagsregeln akzeptiert, die reine Natur. Liehe will Freiheit? Liebe will gefesselt bleiben an den unerfüllbaren Traum, es gäbe die wahre Liebe. Der Leumund der Liebe küsst Feindbilder, bis denen die Luft wegbleibt.

Die Inszenierung schaut auf nichts herab. Auf keine Figur herab, auf keinen Text herab. Nie aufs Drama herab. Sie schaut zu etwas auf, von dem sie sich - auch schauspielerisch - geradlinig prüfen lässt. Erhobenen Hauptes, bangen Herzens. Nicht mit schwerer, knetender Hand. Mit dem Mut, in nichts überbordend sein zu wollen, Und mit konsequenter Verweigerung poetisch-romantischem Übereifers. Der Bühnenboden ist aseptisch glatt, der Sturmhagel stürzt als gehörige, klackende Packung kleiner bunter Plastebälle herab: der Roseniegen über der liebenden Miranda: wieder kleine Plastebälle, diesmal rosa. Und Ronny Winters haarsträhnige, angstirre kreischende Knechts Kreatur Caliban trägt eine Küchenschürze aus Neylon.

Die Hofgesellschaft, die an den Strand gespült wird: von statuarischer Erschrockenheit über die erlittene Katastrophe, aber je mehr der Lebensatem zurückkehrt, kehren auch die Instinkte der ständischen Bösartigkeit zurück. Begleit Psychologie jeder Wende: lässt die Angst der Täter nach, kommt die alte Anmaßung durch. Das Rüpel-Duo Stephano (Markus Voigt) und Trinculo (Felix Meusel) säuft den Fusel aus einer Zapfsäule, wendet seinen feist-fläzigen Untertanengeist in kotzgeile Herrenmenschenart gegen Caliban, ballt die Faust («der reckt den Arm hoch, weiß nicht, wo ihm der zersoffne Kopf steht, und: vermisst ihn gar nicht.

Hauptsache, die Perücke kann immer wieder zurechtgerückt werden.

Luftgeist Ariel ist schön: Frederike Duggen. Als Wassernymphe im attraktiv leichten Kleid aus Ozeanblau und Wogen weiß. Zwischen Prosperos Aufträgen räkelt sie sich auf Caibans Tankkessel - die Langeweile als öde Kehrseite des Lasziven. Am Schluss liegt sie entrückt, auf dem Bo¬den wie in einem Bett, das Prospero erwartet - der sie eben freigab. Freiheit: ein Versprechen, ein Verlust. Luftgeister sind auch nur Leute. Rückkehr in diese Menschenwelt, wie sie Prospero bevorsieht, das ist Rückkehr ins Entzauberte, also: Beendigung einer Inselzeit, da zwischen Wunsch und Erfüllung keine Entfernung lag. Und Beginn einer Zeit, die andauernd Erfüllung verspricht, ohne dass überhaupt noch gewusst wird, was Träume sind. Theaters trauriger Gruß - trotz Happy End - aus der Gegenwart.

neues deutschland, 29.9.15

Shakespeares Vergebungsutopie wird lebendig

von Annemarie Bierstedt

Schauspiel „Der Sturm“ feierte am Wochenende in Greifswald Premiere

Greifswald. Magisch ging es am Samstagabend im Greifswalder Theater zu. Zwischen alten Autowrackteilen rekelt sich Miranda (Anne Greis), Tochter des Fürsten Prospero (Manfred Ohnouthka), in superkurzen Shorts und Cowboystiefeln auf dem Boden. Plötzlich fallen blaue und weiße Plastikkugeln aus dem Theaterhimmel auf den Boden, wie von Zauberhand erscheint Luftgott Ariel (Frederike Duggen). Zeitgenössisch und abstrakt transformierte Regisseur Hannes Hametner William Shakespeares 1611 geschriebenes Alterswerk „Der Sturm“ in die Gegenwart. In Greifswald hatte das Stück der Weltliteratur Premiere. Es handelt von Prospero, der als rechtmäßiger Herzog von Mailand von seiner Schwester Antonia auf eine Insel vertrieben wurde. Als romantisches Märchen erscheint uns das Schauspiel vom entmachteten, rachedurstigen Fürsten Prospero, der seinen Feinden dann doch großgherzig vergibt, heute. Doch „der Sturm ist so aktuell wie nie zuvor“ meint der 44-jährige Hametner aus Berlin, der seit dieser Spielzeit Regisseur am Theater Vorpommern ist. „In einer Zeit, in der in vielen Teilen der Welt Gewalt, Macht, Willkür und Terror herrschen, wünschen wir uns mehr Vergebung“, erklärt er. Sprache, Versmaß und Handlung entsprachen Shakespeares Fassung.

 

Ostsee Zeitung, 21.9.15