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Meier Müller Schulz oder Nie wieder einsam

Fotos: MuTphoto

Meier Müller Schulz oder Nie wieder einsam

Eine Geiselfarce von Marc Becker

Termine

Herr Meier ist einsam. Das Singledasein behagt ihm nicht. Obwohl in der Einraumwohnung nicht viel Platz ist, würde Herr Meier sie gern teilen. Doch mit wem? Herr Meier scheint nicht die richtigen Argumente zu finden, um jemanden von seiner Sehnsucht nach Zweisamkeit zu überzeugen. Also besorgt sich Herr Meier erst eine Pistole und dann eine Geisel. Herr Schulz braucht nicht mehr überzeugt werden – eine Pistole ist ein starkes Argument. Herr Meier macht für sie beide Käsebrote mit Gurke. Gurke gehört einfach dazu. Da klingelt Frau Müller. Sie hat Kuchen für ihren neuen Nachbarn gebacken. Sie wundert sich über Herrn Schulz: warum hat er eine Decke über dem Kopf und steht wie eine Stehlampe in der Ecke? Und die Handschellen – da kann man ja nicht einmal richtig Guten Tag sagen. Aber Frau Müller ist tolerant: sie weiß, dass Selbstfindung schwer ist. Marc Becker hat einen hintergründigen absurd-komischen Text über die Einsamkeit in der Massengesellschaft geschrieben. Die Selbstermächtigung der Einen führt hier zur Unfreiheit der Anderen – und umgekehrt. So kann die erzwungene Unfreiheit tatsächlich den lang ersehnten Ausbruch aus dem ewigen Trott einer nur noch in Routinen erstarrten Existenz bewirken. Lieber eine Notgemeinschaft als gar keine Gesellschaft!

Wiederaufnahme ab 3. September 2015

PRESSESTIMMEN

Sprachliches Pingpong auf hohem Niveau

Im Gustav-Adolf-Saal verfolgte ein sehr amüsiertes Publikum die Premiere von 'Nie wieder einsam'.

Die Theaterliteratur spiegelt, wenn es richtig läuft, das Zeitgeschehen wider und ist insofern Gratmesser und Ideengeber. Eine Geschichte wie 'Meier Müller Schulz oder Nie wieder einsam!' ist also das, was uns blüht? Das Stück hatte am Sonntag Premiere im Gustav-Adolph-Saal und ist eine 'Geiselfarce' von Marc Becker. Die Tür wird aufgestoßen, und Meier (Markus Voigt) drängt Schulz (Jan Bernhard) mit vorgehaltenem Kleinkaliber ins Zimmer. Dem sind die Augen verbunden, er hat Handfesseln und macht einen unglücklichen Eindruck. Meier schiebt ihn in die Ecke hinter den Blumentopf.

Schulz ist Meiers Geisel. Wenn niemand mit ihm zusammen leben will, muss er jemanden dazu zwingen. Aber nicht nur seine Defizite an emotionaler Kompetenz lassen darauf schließen, dass es dafür Gründe gibt. Auch die Wohnung ist nicht einladend. Es ist ein Wohnklo mit Kochnische. Alles ist einfarbig, beige, jeder Gegenstand in der selben Nichtfarbe, Bautzener Senf ohne Paprika.

Bühnenbildnerin Tatjana Kautsch hat alle sichtbaren Flächen und Gegenstände mit Packpapier tapeziert. Meiers Innenleben ist damit so identisch, dass er samt Geisel in der Ecke bei Käsebrot und Gürkchen bald wieder eins wird mit der Tapete. Bis es klingelt.

Das Stück für drei Personen ist ein bisschen böse, aber eigentlich herzerfrischend. Abgesehen mal von der gar nicht so schlechten Idee, sich bei Einsamkeit eine Hausgeisel zu organisieren, haben die Schauspieler in den 90 Minuten Spielzeit das Thema so plausibel gemacht, dass man ebenso wie die Nachbarin Frau Müller den Gedanken 'Das geht doch nicht' bald aufgibt. Frau Müller (Claudia Lüftenegger) passt prima in die Männer-Kombi, selbst ihr Käsekuchen hat die Umgebungsfarbe. Die Geisel, die sie selbst bald haben wird, ist nicht so pflegeleicht wie Schulz, aber Hauptsache, man ist nicht mehr alleine. Schulz hat schon im zweiten Bild ein ausgeprägtes Stockholmsyndrom ausgebildet. Nur selten gerät er noch an den Rand seines Fußfesselradius', die er anstandslos als Kette um den Knöchel akzeptiert. Selbst als Meier ihm die Fessel abnimmt, kriegt Schulz es nicht fertig, seiner 'intuitiven Entscheidung nach Freiheit...' nachzugeben. Regisseurin Sonja Weichand hat den Stoff mit vielen Pointen ausgestattet. Die beiden Schauspieler spielen sprachlich und spielerisch Pingpong auf höchstem Niveau. Claudia Lüftenegger schlägt immer mal wieder einen Keil dazwischen oder klemmt sich auf dem Sofa zwischen sie. Am Ende aber ist klar: Die Drei werden auf einheitlich farblosem Level miteinander glücklich.

Ostsee-Zeitung, 28.4.2015 von Juliane Voigt