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Fotos: MuTphoto

Kein Mensch muss müssen

Nathan der Weise

Dramatisches Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing

Termine

 

Jerusalem, zur Zeit der Kreuzzüge: Hier treffen Christentum, Judentum und Islam aufeinander. Während seiner Abwesenheit wurde Nathans christliche Pflegetochter Recha von einem Tempelherrn, der einem christlichen Ritterorden angehört, aus dem brennenden Haus gerettet. Saladin, der muslimische Herrscher Jerusalems hatte ihn zum Tode verurteilt, dann aber unerwartet begnadigt. Nathan will dem Retter danken, den aber reut die gute Tat, galt sie doch einer Jüdin. Vernunft und geistreicher Witz Nathans und Rechas zeigen ihm, dass sein Weltbild auf Vorurteilen gegründet ist. Er verliebt sich in das gescheite Mädchen und findet sogleich seine altes Denken bestätigt: Nathan will ihm seine Tochter nicht zur Frau geben. Aber der hat andere Gründe, er vermutet nämlich eine nahe Verwandtschaft der beiden.       

Lessing, der herausragende kritische Repräsentant einer von den Idealen der Aufklärung geprägten bürgerlichen Literatur, hat mit Nathan und Recha Figuren geschaffen, die beispielhaft für Vernunft, Freiheit, Menschlichkeit, Toleranz und gegen Vorurteile, Bevormundung und Willkür stehen. Die „Ringparabel“ verkündet das allen Religionen gemeinsame: sie müssen sich durch praktische Humanität ausweisen.

 

Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört wird predigen lassen.

Wiederaufnahme ab 10. Oktober 2015

PRESSESTIMMEN

Zeitlose Welterzählung
Premiere von Lessings „Nathan der Weise“ im Greifswalder Theater gefeiert.

Greifswald – Ja, hat denn die Menschheit gar nichts gelernt? Dass der Glaube an einen Gott Hass schüren und morden lassen kann, war schon zur Zeit der Kreuzzüge so. Es veranlasste den Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing 1779, mit seinem dramatischen Gedicht „Nathan der Weise“ für mehr Toleranz, Vernunft und Menschlichkeit unabhängig von der Religion zu mahnen. Seitdem hat sich scheinbar nichts geändert. Den Terror dieser Tage nahm André Rößler zum Anlass und inszenierte das zur Pflichtliteratur in Schulen zählende Drama neu, das Sonnabend Premiere in Greifswald feierte. Geschichte und Sprache Lessings bleiben unangetastet; Rößler lässt Christen neben Juden und Moslems auftreten. Recha (Anna Luise Borner), Pflegetochter des Juden Nathan (Jan Bernhardt), wird von dem Tempelherren (Ronny Winter), einem christlichen Ordensritter, aus einem brennenden Haus gerettet. Während den holden Retter noch Vorurteile gegenüber Juden plagen, weiß der weise Nathan ihn schon mit geistreichem Witz und Vernunft von einem vorurteilsfreieren Weltbild zu überzeugen. Auf die Gretchenfrage des muslimischen Herrschers Saladin (Jörg F. Krüger) („Wie hältst du’s mit der Religion?“) verdeutlicht Nathan mit Hilfe der Ringparabel das allen Religionen Gemeinsame: Sie müssen sich durch praktische Humanität ausweisen. Die Figuren in Lessings Drama liegen sich am Ende alle in den Armen, religiöse Vorurteile wurden durch Toleranz und Verwandtschaftsbeziehungen überwunden. Rößler will das Augenmerk auf aktuelle Ereignisse lenken: „Charlie Hebdo hat Bände gesprochen. Mit dem Nathan möchte ich provozieren und zum Nachdenken anregen“, verdeutlicht er. Jede Figur wurde trotz oder gerade aufgrund eines Minimums an Bühnenbild und einheitlicher Kostümierung charakterstark dargestellt: ein Tempelherr, der anfangs engstirniger und später nachgiebiger nicht sein konnte, eine Recha, die mit Witz und Klugheit überzeugte, und ein Nathan der so tolerant und gutherzig war, dass man es beinahe nicht glauben konnte.

Dieser Nathan ist eine zeitlose Welterzählung. Die 440 Zuschauer würdigten das mit tosendem Applaus.

 

Ostseezeitung, 23. März 2015 von Annemarie Bierstedt

„Nathan“ – bis heute beklemmend aktuell
Premiere für „Nathan der Weise“ im Großen Haus.

Stralsund – Premiere für „Nathan der Weise” im Theater und das Haus war voller Menschen. Vielleicht passt auch kein Stück besser an den Abend vor Ostern, als dieser Klassiker der Theatergeschichte. Lessing, der Aufklärer. Seinen „Nathan“ hinterließ er wie ein humanistisches Sakrileg, das bis in unsere Zeit reicht. Erst posthum wurde das Stück 1783 in Berlin uraufgeführt. Die Gesellschaft war zunehmend antisemitisch und entzog sich religionskritischer Debatten. Mit der zentralen Frage, welche Religion die richtige sei und der fabelhaften Ringparabel als Antwort des weisen Juden Nathan, rührte Lessing am christlichen überheblichen Selbstbild.

Die Inszenierung von André Rößler wird dem Klassiker gerecht. Die Schauspieler stecken sogar in Klassikern. Oben weißes Sakko, unten kariert.(Kostüme und Bühne: Simone Steinhorst). Außer Jan Bernhardt als Nathan und Anna Luise Borner als Recha, haben die drei weiteren Schauspieler zwei oder drei Rollen und so uniform die Szenen sich ausnehmen, Text und Spiel sind doch der rote Faden auf dieser Bühne. In großen Lettern oben drüber steht unüberlesbar – selbst für den unaufmerksamsten Zuschauer– immer die Konstellationen: Christ, Moslem, Jude oder: Mensch! Alle in uniformem Weiß/Kariert. Keine Abgrenzung der Religionen hinter plakativem Äußeren.

Nathans Tochter ist gerettet worden vorm Feuer. Von einem Christen. Dafür müssen sie Freunde werden. Und schon das ist schwer für den Christen. Die Vorurteile Juden gegenüber sitzen tief. Aber „Nathan der Weise“ ist ein Lehrstück. Nach der Nazizeit ist es an jedem Theater gespielt worden als Wiedergutmachungsstück nach der Zeit der Judenverfolgung in Deutschland. An der Frage nach dem Stellenwert der Weltreligionen hat sich nicht viel geändert. Noch immer bringen sich Menschen gegenseitig religiös motiviert um.

Lessing löst das Problem am Ende symbolisch mit einem Wunder. Der Sultan rettet einen Christen vor der Hinrichtung, der rettet das Mädchen Recha. Eigentlich kann keiner mit dem anderen, weil jeder einem anderen Glauben verpflichtet ist, aber am Ende sind alle miteinander verwandt. Ziemlich simpel aber genial, wie unlösbare Probleme auf dieser Bühne enden.

Und schließlich das Youtube-Video, das Rößler in die Schlussszene projiziert. Es zeigt einen syrischen Jungen, der durch den Geschosshagel läuft, scheinbar getroffen wird, aufsteht und weiter läuft und seine Schwester rettet. Da draußen passiert das alles immer noch. „Nathan der Weise“ ist aktuell wie nie, immer wieder eine Lehrstunde gegen Intoleranz und Vorurteile. Für Alle.

Ostseezeitung, 7. April 2015 von Juliane Voigt