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"Du kannst mich lieben
soviel du magst.
Aber über meine Liebe zu dir würde ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen!"

Carmen

Oper in vier Akten von Georges Bizet
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach der gleichnamigen Novelle
von Prosper Mérimée
in französischer Sprache mit deutschen Dialogen von Walter Felsenstein

Termine

Sind sie nicht alle verrucht, diese Frauen, die in der Tabakfabrik Zigaretten drehen? Man sagt, in der Hitze der Fabrikhalle ginge es sehr freizügig zu. Und wenn die Arbeiterinnen zur Mittagspause hinauskommen, ist unter ihnen Carmen, die alle Männerblicke auf sich zieht. Don José wird sich die Finger an ihr verbrennen, denn Carmen lässt ihn fallen, nachdem sie seine Liebe entfacht hat. Und dann betritt Escamillo die Bildfläche: der Stierkämpfer, der immer auf der Jagd nach Anerkennung ist, sei es in der Arena oder in der Liebe. Doch auch er wird Carmen nicht halten können, denn mehr noch als die Liebe liebt sie die Freiheit. Dafür nimmt sie alles in Kauf – selbst den Tod.

Als Carmen 1875 in Paris uraufgeführt wurde, war das Publikum schockiert vom Realismus der Oper. Sie galt als höchst unmoralisch und war doch unwiderstehlich. Getreu dem Motto Escamillos „Auf in den Kampf, Torrero“ trat sie schon kurze Zeit später ihren weltweiten Siegeszug an. 1893 wurde sie erstmals im Stralsunder Stadttheater am Alten Markt gegeben und stand auch direkt im Eröffnungsjahr des neuen Theaters am Olof Palme-Platz 1916 auf der Stralsunder Bühne.

PRESSESTIMMEN

Liebe zwischen Freiheit und Tod George Bizets Oper „Carmen“ hatte in Stralsund Premiere

Die berühmte Zigeunerin ist blond, die Inszenierung entromantisiert, die Musik von präziser Leichtigkeit

von Dietrich Pätzold

Tabakgenuss, Stierkampf, Heldenmythen, Macho-Posen: Alles, was dem modernen Menschen neuerdings verdächtig scheint, bringt die Oper „Carmen“ des Franzosen Georges Bizet (1838-1875) zusammen. Aber dazu dann diese wunderbar schillernde Frauengestalt: unberechenbar, wild, verführerisch, unzähmbar in
ihrem Freiheitsdrang. Eine stolze Schönheit, die alle Männer reizt – und der ein junger Sergeant letztlich zum Opfer fällt, so dass er die Angebetete umbringt. Diese Frau und natürlich die unsterblichenMelodienmachten das Werk zur meistgespielten Oper der Welt.
Das Theater Stralsund, wo „Carmen“ am Sonnabend Premiere feierte, präsentiert Bizets dunkle Zigeunerin als Blondine. Eine Veränderung, die seit einigen Jahren auf Opernbühnenbekannt ist: keine Zigeunerin, keine Zigeunerromantik – eine starke Frau im Milieu der Arbeiter und Schmuggler. In Stralsund wurde diese Carmen mit der jungen Anna Wagner zum Ereignis. Mit Jeans und rotem Kopftuch spielt sie die streitlustige Tabakarbeiterin, dann im roten Kleid die Tänzerin, und überzeugt durchweg als laszive Verführerin, auch als Spielerin im und mit dem Leben. Und als Sängerin zeigt Anna Wagner eine reiche Fülle schöner Klangfarben, darunter sehr abgründige, ihres runden Mezzosoprans.
Ein herausragendes Ereignis dieser Inszenierung ist auch der Opernchor, verstärkt um Extrachor und Kinder- und Jugendchor des Theaters Vorpommern. Letzterer beeindruckt mit frühmilitärischen Spielen, eine Persiflage auf allgegenwärtige Polizeistaatsmentalität. Und der Erwachsenen-Chor, sehr gut geführt von Rustam Samedov, macht Rivalitäten musikalisch zum klangvollen Sängerstreit.

(...) Regisseur Horst Kupich verlegte das Geschehen weit weg von der Bizet’schen Geschichte – aber ebenso weit weg von uns: Soldaten und Schmuggler agieren Anfang der Dreißiger Jahre in Mexiko zur Zeit. des US-Alkoholverbots. Einer genussvollen Ausdeutung der Carmen-Gestalt wirkt diese Verlagerung eher entgegen, mehr trägt sie zu ihrer Entromantisierung bei, die dennoch im tödlichen Finale sehr berührt.

Gleichzeitig betont die Inszenierung das Nebenthema Gewaltbereitschaft. Da wird zum heiteren Gesang ganz beiläufig ein Spitzel erdrosselt. Und für den Sergeanten José (Dennis Marr mit geschmeidigemTenor) wird seine bedingungslose Liebe zu Carmen nicht nur Hörigkeit gegenüber Carmen, sondern mit seiner leichtfertigen Hinrichtung des Leutnants auch ein Schritt zum Verbrechen.

Für das Bauernmädchen Micaëla (Kristi Anna Isene) bleibt in dieser Handlung nur wenig Platz als Mutter-Kuss-Kurier, aber doch Raum für ihren strahlenden Sopran. Und der Torrero Don Escamillo (Alexandru Constantinescu) wirkt eher als Episode. Dass man als Besucher des Stückes selbst besser werde, wie es einst Friedrich Nietzsche empfand, und gar ein besserer Philosoph – das ist der Musik zu verdanken. DasPhilharmonische Orchester Vorpommern musizierte unter Leitung von Golo Berg mit Leichtigkeit und Grazie, selbst da, wo feuriges Temperament vertont oder Unheimliches anzukündigen war, klang die Musik nie pompös, sondern elegant.

Ostsee-Zeitung

CARMEN – Greifswald, Theater Vorpommern

von Judith Hering

(...)

Nach der Ouvertüre, die das Publikum in dramatische, spanische Klänge einstimmt, wird ein backsteinernes Fabrikgebäude mit Metalltreppen sichtbar. Soldaten putzen ihre Gewehre und warten auf die Wachablösung. Nach dem Klingeln der Werksglocke kommen die Fabrikarbeiterinnen aus einem dunklen, großen Tor und genießen ihre Frühstückspause. Der zweite Akt spielt in einer verruchten Kneipe. Dafür wird das Fabriktor zu einer Bühne mit Samtvorhängen und der Fabrikhof zum Gastraum mit Tischen und Stühlen umgestaltet. Das einstige Fabrikgebäude wird im dritten Akt in zwei einzelne Lagerhäuser getrennt und zum Schmugglerquartier umfunktioniert. Im letzten Bild ist der Eingang zur Stierkampfarena zu sehen, dargestellt mit einer hohen Bretterwand.

Regisseur Kupich verlagert die Handlung in das Grenzgebiet zwischen Mexiko und USA in das Jahr 1931. Die Kostüme passen sich der Zeit und dem Ort an. Dabei sind Anregungen der mexikanisch-spanischen Folklorekleidung erkennbar. Carmen besticht mit roten Kleidern und Escamillo trägt eine bunte Torerokleidung.

Der Gesang erfolgt auf Französisch, wobei die Dialoge in deutscher Sprache nach einer Fassung von Walter Felsenstein vorgetragen werden.

Sänger und Orchester

Die unangefochtenen Stars des Abends sind Anna Wagner (Carmen) und Karo Khachatryan (Don José). Beide bestechen mit ihrer brillanten schauspielerischen Leistung und hervorragenden Bühnenpräsenz. Anna Wagner glänzt in der Rolle der Carmen durch das geschmeidige Timbre ihres Mezzosoprans. Mit samtartiger und beweglicher Stimme singt sie die Habañera und betont ihre Rolle der geheimnisvollen Verführerin. Ihr lyrischer Gesang gewinnt stetig an Wärme und Volumen. Ebenso besticht Karo Khachatryan mit seinem klangvollen, gut fokussierten Tenor. Im Duett mit Micaëla Parle-moi de ma mère – Erzähl mir von meiner Mutter klingt seine Stimme besonders weich und rund. Die technisch brillante Kristi Anna Isene (Micaëla) ist sehr sicher in den Höhen und glänzt mit ihrem klaren, satten Sopran. Besonders ausdrucksstark singt sie die Arie Je dis que rien m’épouvante – Nichts kann mich erschrecken. Bemerkenswert ist Alexandru Constantinescu mit einer warmen, energischen und angenehm vibrierenden Stimme als Stierkämpfer Escamillo. Tye Maurice Thomas (Zuniga) erbringt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich eine überzeugende Leistung. Sein betont komisches Auftreten wird von seinem kräftigen, sonoren Baß unterstützt. Auch das gut aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Jardena Flückiger (Frasquita) und Iuliia Tarasova (Mercédès) sticht im Terzett Mêlons! Coupons! – Mischen wir die Karten! mit Anna Wagner hervor. Als Moralès zeigt Maciej Kozlowski seinen warmen, facettenreichen Bariton mit einer durchschlagenden
Kraft.

Der Opernchor des Theaters Vorpommern hat wie immer einen großen Anteil am Geschehen und füllt seine Nebenrollen mit Einsatzfreude und viel
schauspielerischem Geschick. Wirkungsvoll eingebunden ist Kinderchor und singt mit einer bemerkenswerten Sicherheit Avec la garde montante – Mit der Wache anzutreten sind wir Buben immer da.

Beschwingt und energiegeladen spielt das Philharmonische Orchester Vorpommern unter dem zuverlässigen Dirigat von Golo Berg. Bereits die Ouvertüre zeigt mit betörenden und dramatischen Klängen spanische und provenzalische Elemente. Insgesamt sind die Sänger und das Orchester sehr gut aufeinander abgestimmt.

Fazit

Eine gelungene, sehenswerte Inszenierung, die durchgängig mit sehr guten Sänger- und Schauspielleistungen überzeugte. Die Aufführung im ausverkauften Haus fand großen Anklang beim Publikum und wurde sehr herzlich aufgenommen. Das gesamte Ensemble hatte sich den langanhaltenden Applaus verdient!

operapoint