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Ein Volksfeind

Ein Volksfeind

Schauspiel von Henrik Ibsen

Termine

  • 31.03.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald
  • Premiere
  • Karten kaufen
  • 01.04.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald
  • Premiere auf den 31.3. vorgeschoben.
  • 03.04.2017 10:00 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 09.04.2017 18:00 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 14.04.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 30.04.2017 18:00 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 06.05.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Stralsund Karten kaufen
  • 12.05.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen
  • 09.06.2017 19:30 Uhr Großes Haus, Greifswald Karten kaufen

Eine ganze Region blüht endlich wieder auf. Millionen Urlauber bescheren rasant steigende Einnahmen. Doch der Badearzt Dr. Thomas Stockmann entdeckt, dass sich große Teile der Küstenregion durch Klimawandel und Bakterieninfektionen in Todeszonen verwandeln. Er will diesen Prozess aufhalten und mit Hilfe der Presse die Öffentlichkeit informieren und über die unhaltbaren Zustände aufklären. Sein Bruder Peter, der Bürgermeister, will das verhindern und macht eine andere Rechnung auf: verliert die Region mit dem Badetourismus ihre wichtigste Einnahmequelle, gehen Arbeitsplätze verloren, werden die Steuereinnahmen versiegen und die Arbeitslosigkeit sprunghaft steigen. Und vor allem steht seine eigene politische Existenz auf dem Spiel.

Der Brüderkonflikt griechischen Ausmaßes spitzt sich zu einem politischen Endspiel zu: Macht gegen Recht, wirtschaftliche Interessen gegen wissenschaftliche Wahrheiten, die "kompakte Majorität" im Kampf gegen den aufklärenden Individualisten.

127 Jahre nach seiner spektakulären deutschen Erstaufführung in Berlin befragt "Faust"- Regisseur und Oberspielleiter Reinhard Göber den "Volksfeind“ auf seine Aktualität im 21. Jahrhundert. Was gilt Wahrheit im postfaktischen Zeitalter?

PRESSESTIMMEN

Aktueller Klassiker mit Überraschungseffekt
Ein Volksfeind von Henrik Ibsen hatte Premiere am Theater Vorpommern

von Stefanie Büssing

Stralsund.
"Good morning, good morning" dröhnt der gleichnamige 30er-Jahre-Klassiker aus den Boxen. Nichts könnte die Stimmung besser auf den Punkt bringen: Es ist ein guter Morgen, zumindest für die Bewohner einer nicht näher definierten Kleinstadt an der Ostsee, die vor allem vom Tourismus lebt. Die Prognosen für die kommende Saison sind gut, bis zu 95 Prozent Auslastung. Ausgelassen zelebrieren Badearzt Dr. Thomas Stockmann (Alexander Zieglarski), seine Frau Katrin (Susanne Kreckel), der Redakteur der hiesigen Zeitung, Hovstadt (Julius Weigel) und sein Mitarbeiter Billing (Ronny Winter) das Leben. Alles scheint in Ordnung zu sein, wäre da nicht ein klitzekleines Problem. Am Sonnabend hatte das Stück "Ein Volksfeind" des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen am Theater Vorpommern in Stralsund Premiere. Spannend, dramatisch und humorvoll umgesetzt von Reinhard Göber, seit Sommer Schauspielchef am Theater Vorpommern. Besonders im letzten Teil schafft es Göber, der sich nach "Hedda Gabler" das zweite Ibsen-Stück am Theater Vorpommern vornahm, zu überraschen.


Es ist ein Spagat über 127 Jahre, den Göber versucht - von der Uraufführung in Oslo bis zu seiner eigenen Inszenierung. Und er gelingt, aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil Göber es schafft, seine Figuren als vielschichtige, komplexe Charaktere zu entwickeln, die sich nicht schablonenartig in ein simples Gut-Böse-Schema pressen lassen. Zum anderen, weil er das Thema vor die Haustür holt. Der norwegische Kurort von Ibsen wird an die Ostsee verlegt. Kurz vor der Saison macht Dr. Thomas Stockmann eine schreckliche Entdeckung: Die Ostsee ist mit Vibrionen verseucht: Über Hautverletzungen können die Bakterien in den Körper eindringen und Krankheiten und sogar Tod zur Folge haben. Brisant: Göber bezieht sich dabei auf Fakten, die in dem Stück jedoch ins Dramatische gesteigert werden. Dennoch, ein ungutes Gefühl bleibt. Stockmann, der es als Pflicht gegenüber der Gesellschaft ansieht, den Skandal öffentlich zu machen, gerät in Konflikt mit seinem Bruder, dem Bürgermeister (Markus Voigt), dem die Interessen der Stadt wichtiger sind als die mögliche Gefahr. Wird der Skandal öffentlich, bleibt der Tourismus aus, der Ort verliert Einnahmen und muss sich um die teure Beseitigung der Bakterien kümmern.


Zunächst hat Dr. Stockmann die kompakte Majoriät hinter sich - Hausbesitzerverein, Presse und Ehefrau wollen ihn unterstützen. Doch bald weicht das Gemeinwohl den eigenen Interessen. Der Redakteur des Volksboten, der zuvor die große Story witterte, muss um seinen Job bangen, sein Mitarbeiter um einen möglichen Beamtenposten und Aslaksen vom Hausbesitzerverein zieht es vor, "gemäßigt" zu reagieren, um nicht das zu gefährden, was er erreicht hat. Und so wird die geplante "Reinigung des Gemeinwesens", die dem in einer freiheitlichen Gesellschaft geltenden Recht zur Durchsetzung verhelfen sollte, schnell im Keim erstickt. "Was nützt dir das Recht, wenn du nicht die Macht hast?" erkennt Stockmanns Ehefrau Susanne. So wird der Volksfreund schnell als Volksfeind diffamiert und steht plötzlich allein da.


Die Gleichung ist einfach: Wahr ist das, was nützt. Und das ist in Zeiten von Trump und Brexit brisanter denn je. Um die Fragwürdigkeit von Majoriäten aufzuzeigen, wagt Göber den praktischen Versuch: Mit der Kamera von Redakteur Hovstadt hält er dem Publikum den Spiegel vor, lässt die Besucher zu Entscheidern und damit selbst zum Teil des Stückes werden. Ein spannendes Experiment, das zum Nachdenken anregt und die Demokratie interaktiv auf den Prüfstein stellt. So wie es Ibsen bereits vor 127 Jahren tat. 

Ostsee-Zeitung, 13.03.2017