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Faust. Ein Fragment

Drama von Johann Wolfgang von Goethe

Termine

„Faust“ ist ein Jahrhundertwerk, ein Steinbruch, an dem sich Johann Wolfgang von Goethe Zeit seines Lebens abarbeitete. Begonnen hatte er mit dem Fauststoff 1770, angeregt von dem Prozess gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt, deren Hinrichtung er wahrscheinlich miterlebt hat. Das „Faustfragment“ steht entstehungsgeschichtlich zwischen „Urfaust“ und „Faust. Eine Tragödie“ und stellt die Liebestragödie um Gretchen in den Vordergrund. Über 60 Jahre beschäftigte Goethe das Thema – es wurde zu seinem literarischen Vermächtnis und zu einem der großen nationalen Dichtungen der Deutschen. In unserer frühen Fassung ist die philosophische Tiefe des späteren Faust erst erahnbar, jedoch besticht sein Fragment durch die leidenschaftliche Schilderung einer verzweifelten Liebe, verleiht sie der Geschichte um Gretchen tragische Dimensionen.

PRESSESTIMMEN

Faust-Fragment in Greifswald: Gretchen als Muslima, der Teufel kommt mit Netto-Tüte

von Dietrich Pätzold
Nun also, nach Wismar und Schwerin, ein weiterer „Faust“ in MV - wieder ganz anders: überraschend, zupackend und in knapp 90 Minuten ohne Pause spannend erzählt. Regisseur Reinhard Göber präsentierte ihn zum Saisonstart am Wochenende im Greifswalder Großen Haus - ein furioser Einstand des neuen Schauspieldirektors am Theater Vorpommern.

Furios vor allem, weil die 1790 erschienene frühe Fassung „Faust. Ein Fragment“ des damals 41-jährigen Goethe eine erstaunlich aktuelle Lesart ermöglicht. Göber findet für seine Inszenierung einen handfesten aktuellen Grund, warum Margarethe (Anne Greis) für vorehelichen Sex mit Faust als Verbrecherin hingerichtet wird: Sie ist Muslima, ebenso wie Nachbarin Marthe (Claudia Lüftenegger), und steht durch ihren in der gemeinsamen Wohnung meist anwesenden Bruder Valentin von Anfang an unter familiärer Kontrolle.

Das Spiel beider Frauen als Muslima bietet neue Reize. Einerseits strahlen sie, in helles Tuch gewandet und mal mit, mal ohne Kopftuch, besondere Anmut und Würde aus - und eine schön betonte Sehnsucht nach Glück. Zu sehen ist eine andere Marthe als die übliche Kupplerin: hier eine, die in provinzieller Enge Nischen für Freiheit ermöglicht. Und zu sehen ist - bei aller religiösen Bindung - doch keine naiv frömmelnde Grethe: eher eine elegant auf High Heels daherschreitende oder barfuß durch die Szene laufende junge Frau, die Spielräume in ihren Zwängen auslotet und dabei Gewissheiten sucht.

Auch für das Gespann Faust-Mephisto, im Kleidungskontrast Grau-Rot farblich streng unterschieden, wird diese Konstellation in den Flirt-Szenen spielerisch bereichernd. Überhaupt kommt die Inszenierung ohne Metaphysik aus, ohne Geisterspuk (lediglich mal mit augenzwinkerndem) und ohne Hexenküchen-Magie. Ein Teufelspakt muss da nicht erst geschlossen werden, die beiden Männer sind von Beginn an ein dauerhaft unzertrennliches Duo. „Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt“, sagt Mephisto gegen Ende, um Fausts selbstmitleidigen Jammer über Gretchens Not zu beenden - dieser Satz gilt hier von Anfang an. Wenn dieser Heinrich Faust (Alexander Frank Zieglarski) sein „Habe nun, ach, ...“ beginnt, klagt er nicht mehr, sondern erklärt dem Publikum kühl seine Situation, gelassen, etwas von oben herab, mit leicht zynischem Achselzucken, in kleinen Pausen die Wirkung seiner Aussagen auf die Zuschauer beobachtend.

Und Mephisto (Julius Robin Weigel), kein Teufel, sondern ein wendiger und windiger persönlicher Assistent mit besonderen Fähigkeiten, ist wie ein Untergebener unterwegs, auch achselzuckend dann, wenn der Chef (also Faust) zu hohe Forderungen stellt, mal mit Netto-Tüte, mal mit Fingerschnipsen.

Die Schüler-Szene können sich Mephisto und Faust wegen enger Wahlverwandtschaft teilen, Auerbachs Keller ist ein Rockschuppen, in dem Faust mit Gretchen schon getanzt hat, bevor er ihr „Arm und Geleit“ anträgt. Die wechselnden Schauplätze auf der Drehbühne hat Bühnenbildnerin Ariane Salzbrunn ausgestattet. Eine runde, empfehlenswerte Aufführung.

Ostsee-Zeitung

Einfach so. Lustig, listig, verliebt: Im Theater Vorpommern inszeniert Reinhard Göber mit »Faust-Fragment« Goethe in jung.

Von Anja Röhl

Ein von Schwulst, Geistesschwere und Mystik freier »Faust«, in dem das Schicksal Gretchens zur Hauptsache wird: Im Theater Vorpommern läuft eine Inszenierung von Goethes »Faust-Fragment« in der Regie von Reinhard Göber, dem neuen Oberspielleiter. So schüchtern verhüllt Gretchen (Anne Greis) in der Öffentlichkeit draußen auftaucht, so albern und verspielt, lustig, listig und verliebt, auch recht offen zu ihrer Marte sprechend, ist sie drinnen, wenn sie sich unbeobachtet wähnt. Überhaupt nimmt das Verspielte und Fröhliche in diesem Drama den größten Raum ein, das Dramatische passiert unspektakulär, kurz und knapp. Da kommt der junge Goethe viel stärker heraus, es ist der Goethe des Sturm und Drang, der aufbegehrt und sich nicht abfinden will. Zum Beispiel damit, dass so ein sittsam behütetes Mädchen eben nicht einfach so geliebt werden und sich verlieben darf. Auch Mephisto (Julius Robin Weigel) ist in dieser Fragment-Inszenierung nicht mehr als ein studentischer Freund Goethes im roten Pullover, mit dem er nachts durch die Kneipen zieht und der schon etwas mehr Erfahrung mit Mädchen hat. Teufel wird er nur von den Spießern genannt, da er mehr wagt als andere. Für Faust-Liebhaber geht das natürlich gar nicht. »So etwas darf man mit Goethe doch nicht machen!« wird lauthals bei der Premiere beklagt. Der tosende Applaus des jüngeren Publikums macht aber klar: dass dieses »Fragment«, historisch zwischen dem Urfaust und Faust I und II stehend, 1790 unter dem Titel »Faust. Ein Fragment« von Goethe gedruckt, vom heutigen Standpunkt aus eine Modernisierung darstellt. Es ist weniger lehrerhaft, weniger theorielastig, es diskutiert nicht die Weltprobleme und die Philosophie, enthält nur Denkanstöße, die das Publikum anregen (sollen). Hauptsächlich geht es um Flirten, Zärteln und darum, die Spießbürger an der Nase herumzuführen. Es passieren weder Wahnsinn noch Hinrichtung, nur Schmerz bleibt, bei der Frau. Das Stück bleibt beim jungen Goethe. Sein Blickwinkel ist individualistisch zentriert auf Gretchens Fall. Auch Faust wird von Alexander Frank Zieglarski nicht als skrupellos kalter Verführer dargestellt, der sich beweisen will, sondern als ein junger Mensch, der sich verliebt hat. Gesucht werden Gelegenheiten, sich heimlich ohne Kenntnis der überwachen Eltern, des Bruders, der Freundin und der Öffentlichkeit einfach nur treffen zu können. Das kommt bei Göber ganz leicht daher, da wird gespielt, sich angelächelt, Erotik als etwas Leichtes, Schönes genommen, keine Rede von Lebensbund und großen Schwüren – bis beider Zusammenkünfte entdeckt werden. Nun steht sie da, nicht er, eingeengt von zwei Mauern unter einem Tor, von oben mit kalt-grünem Licht bestrahlt, steht sie an einem imaginären Pranger, und etwas Gewaltsames geschieht ihr, Blut läuft aus stummem Mund, keine Klage, keine Bewegung, nur das Dastehen und das Blut, das läuft – in einem schmalen Streifen über das grüne Kleid. Das ist eine stumme Anklage der Welt, die Spielerisches verbietet und Menschen im Namen der Religion die schönsten Gefühle vermiest und schlechtmacht, diese zu Teufelszeug erklärt und am Ende mit dem Tod bestraft. Stark ist diese Szene vor allem durch ihre Reduktion auf das Wesentliche. Das Ziel des Stückes wird im Programmheft benannt: dass »Solidarität geschaffen wird« durch »Sensibilität für die besonderen Einzelheiten des Schmerzes anderer, uns nicht vertrauter Menschen«, wie es Richard Rorty im Programmheft formuliert. Alexander Zieglarski spielt einen studentischen Faust, der, der ewigen Theorie überdrüssig, sich nach Handlung sehnt. Er gibt den Faust im weiteren großartig jung, verspielt und leicht, Anne Greis ist kein unterwürfiges Gretchen, sondern begegnet Faust ebenso verliebt, emotional und leicht wie er ihr. Die »Gretchenfrage« nach der Religion wird gestellt, erhält aber nicht diese schwere Bedeutung wie sonst, man sieht schon, sie fragt es, weil sie muss, es ist ihr selbst nicht so wichtig.

junge welt