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Kruso

Kruso

Schauspiel nach dem Roman von Lutz Seiler

Termine

  • 26.01.2017 20:00 Uhr Gustav-Adolf-Saal (Jakobikirche), Stralsund
  • Ausverkauft!
  • 01.02.2017 20:00 Uhr Rubenowsaal (Stadthalle), Greifswald Karten kaufen
  • 24.02.2017 19:30 Uhr Putbus Karten kaufen
  • 24.03.2017 20:00 Uhr Rubenowsaal (Stadthalle), Greifswald
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  • 29.03.2017 20:00 Uhr Gustav-Adolf-Saal (Jakobikirche), Stralsund
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  • 07.05.2017 18:00 Uhr Putbus Karten kaufen

Der im Jahr 2014 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnete Debütroman von Lutz Seiler ist ein großes Stück Literatur über Freiheit, aber auch ein großer Roman über eine Freundschaft zwischen zwei Männern, über Gefolgschaft, über Liebe und über die Utopie einer Gemeinschaft in Arbeit, jenseits von Besitzdenken.

Im „Klausner“, einer Gaststätte auf dem Dornbusch, lernt Ed das Leben der Saisonkräfte und ihres charismatischen Führers Kruso kennen. Im letzten Sommer der DDR kämpfen diese „Exterritorialen“ den Kampf gegen den Mangel, den Verfall und um die verlorenen Seelen eines aus dem Kurs geratenen Staatsschiffs. Am Ende wird Ed zum Chronisten eines großen Scheiterns, aber mehr noch zum Bewahrer von Krusos Vermächtnis – einer gesellschaftlichen Utopie, die in Eds Schreiben wie in einer Zeitkapsel überdauern wird.

PRESSESTIMMEN

Paradoxe Wiederholung der DDR im Kleinformat

Von Dietrich Pätzold

Neuer Chef, neue Akzente: Das Schauspiel des Theaters Vorpommern hat am Wochenende seine neue Saison eröffnet. Am Sonnabend begrüßte das Publikum im Großen Haus mit stürmischem Applaus den Einstand von Schauspieldirektor Reinhard Göber mit seiner erstaunlich gegenwärtigen Inszenierung von Goethes „Faust. Ein Fragment“. Kam dieser spannend erzählte „Faust“ ganz ohne Metaphysik aus, so schickte am Vorabend im Rubenowsaal eine als tiefsinnige poetische Performance angelegte Bühnenversion zu Lutz Seilers Kultroman „Kruso“ (Deutscher Buchpreis 2014) eine geballte Ladung Philosophie über unsere jüngste Vergangenheit voraus. Der Autor des Buches, das in der Region gern als „Hiddensee-Roman“ eingeordnet wird, schien angetan wie die Zuschauer und nahm deren herzlichen Applaus mit den Akteuren entgegen, wollte aber keine Wertung abgeben: „Das mache ich nie“, sagte Seiler. „Ich bin eher neugierig, was daraus wird.“ Seit der ersten Aufführung vor einem Jahr in Magdeburg sei dies ja mittlerweile die fünfte Theaterfassung.

Regisseur Hannes Hametner und Chefdramaturg Sascha Löschner haben ihre eigene Version mit nur vier Schauspielern uraufgeführt, mit Manfred Ohnoutka, Ronny Winter, Jan Bernhardt und Sarah Bonitz. Auf einem Rechteck aus Laufstegen/Tischen mit einem wie ein verrottetes Wrack im Hintergrund schräg stehenden Gerüst (Bühnenbild Giovanni de Paulis) ließen sie groß spielen. Das Ergebnis ist umstritten, was bei diesem wegen seiner Komplexität weder „richtig“ dramatisierbaren noch verfilmbaren Roman logisch ist. „Unmöglich“ oder gar „unerträglich“ hörte ich von Theaterleuten, denen die Sache zu unkonkret oder kopflastig vorkam. „Wer den Roman nicht kennt, kann mit der Aufführung wenig anfangen, und wer ihn kennt, denkt danach, er hätte ein anderes Buch gelesen.“

Mag sein, dass die Orientierung auf den poetisch-philosophischen Kern des Buches denen, die Seilers Meisterwerk nicht gelesen haben, Rätsel aufgibt. Doch das Spiel fordert in seiner oft surreal wirkenden Zwischenwelt aus Realität, Traum, Poesie und Philosophie vielfach heraus - bis zur „Nötigung“, den Roman nun endlich selbst zu lesen. Und die Konzentration auf die Beziehung der beiden Hauptakteure Alexander Krusowitsch, genannt Kruso (Manfred Ohnoutka), und Edgar Bendler, genannt Ed (Ronny Winter), liefert Gerüst genug, um dem Geschehen folgen zu können.

Immer noch ist im Stück die Komplexität zu erleben, dass die Robinsonade auf Hiddensee ein doppelt gespiegeltes Endspiel ist: Während 1989 die ganze DDR untergeht, erlebt Kruso, der Sohn eines russischen Generals, wie die von ihm auf Hiddensee organisierte Gegenwelt zur DDR, die mit Krusos strenger (Kommando-)Ordnung im Namen der Freiheit eine paradoxe Wiederholung der DDR im Kleinformat ist, ebenfalls untergeht. Mitten im Gewimmel all der Touristen, Saisonkräfte und vor allem der Flüchtlinge, die nach Hiddensee kamen, um dem Festland zu entkommen und nicht selten von dort die Weiterflucht Richtung Dänemark zu versuchen, ist Kruso der einsame Robinson, der an seinem philosophischen Ideal von der großen Freiheit festhält. Am Ende schleudert er sie mit großem Pathos, als seien dies Fausts letzte Worte, den „Trugbildern der Freiheit“ entgegen -- wahr und falsch zugleich. Sein Irrtum ist offensichtlich, denn der Tod ist von Anfang an mit auf der Bühne: Die Aufführung begann mit den vielen namenlosen Leichen, die an Dänemarks Küste angespült wurden und denen Seiler in seinem Roman-Epilog ein Denkmal setzte.

Ostsee-Zeitung, 4. Oktober 2016

Diese ganze sinnlose, restliche Welt! Regisseur Hannes Hametner bringt das Hiddenseeabenteuer Kruso von Lutz Seiler gelungen auf die Bühne

Von Juliane Voigt

Kruso auf der Bühne: Das heißt noch lange nicht, dass man diesen Roman erstens jetzt nicht mehr lesen muss oder zweitens jetzt endlich alles verstanden hat. Am Donnerstag hatte das Schauspiel im Gustav Adolf Saal Premiere, übrigens eine so ausverkaufte, dass es an der Kasse Diskussionen um die letzten Karten gab und die Vorstellung später begann.

Und dieser Bühnen-Kruso ist nun wiederum auch nur ein Versuch, sich diesem umständlichen Werk, diesem 2014 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten und hochgelobten Hiddenseeroman von Lutz Seiler zu nähern.

Regisseur Hannes Hametner hat, wie ein Bildhauer eine Figur aus Marmor schält, dieses Stück aus einem nicht erzählbaren Buch herausgearbeitet. Und zwar Wort für Wort im Originalton Lutz Seilers.

Es war eine sehr elitäre, intime Veranstaltung. Denn Kruso und Ed, die beiden Hauptakteure, schlugen auf der Bühne solche Haken, dass einem erst einmal die Luft wegblieb. Die Bühne, ein verrostetes, angespültes Schiffswrack, hat den Symbolgehalt eines ähnlich heruntergekommen Systems oder eines sich langsam leerenden Klausners auf Hiddensee im Sommer 1989. Bis zur Pause werden Kruso und Ed lautstark und wild entschlossen Freunde, finden sich in einer untrennbaren Haudegen-Brüderschaft. Dabei fliegen Teller, wird mit der Axt herumgefuchtelt und Gedichte werden aufgesagt.

Kruso (Manfred Ohnoutka) organisiert die Klausner-Familie. Er regelt eigentlich alles. Er weiß alles. Ed, gespielt von Ronny Winter, entdeckt seine Freude an Sex und Frauen.

Apropos Frauen. Die gab es auch. Sarah Bonitz, ein Kunstgriff des Regisseurs. Bonitz spielte leichtfüßig und ironisch die Fantasiefrauen in den Köpfen der Jungs. Ed hat seine Freundin verloren. Krusos Schwester ist eines der unzähligen Opfer, die bei Fluchtversuchen über die Ostsee verschollen sind. Es liegt eine spürbare, große Trauer dann letztlich über Allem. „Diese ganze sinnlose, restliche Welt!“ sagt Kruso. Und Sarah Bonitz erweckt auch auf zauberhafte Weise diesen sprechenden, ominösen Fuchs aus dem Buch zum Leben, ein Fellkragen eigentlich, aber der kann am Ende sogar rauchen.

Der zweite Teil war dann deutlich ruhiger, berührender. Alles scheint wegzurutschen, der Klausner geht so unter wie die DDR. Welcher Ed symbolisch den Todesstoß versetzt, indem er Kruso, eher aus Versehen, ein Messer in die Brust rammt.

Und dieser Untergang kündigte sich an. Die Feeling B-Sause mit der sich anschließenden Schlägerei, Krusos Verschwinden. Und das grandiose Flaggentheater von Jan Bernhard. Ein Schauspieler, der alle Rollen spielte, die übrig waren, und das in einer magischen Wandlungsfähigkeit. Mal Klausnerchef, mal Stasionkel oder Physikervater. Es war eine Show!

Das Stück hat diesen kryptischen, tiefsinnigen und philosophischen Text nicht entschlüsselt. Brauchte es auch nicht. Es ist eine Sicht. Und eine, die ziemlich nah herankommt an das, was der Autor sagen wollte. Wahrscheinlich.

Ostsee-Zeitung, 22. Oktober 2016